Hanoi

Hanoi, 14.2.2011: Leben, Arbeiten und Heiraten in Hanoi? Drei Frauen im Porträt

 © Lea Seibert © Hoàng Đức Thịnh und Mai Lan © Nadine AlbachVietnam ist ein Land im Wandel, gesellschaftlich und wirtschaftlich – und somit ein spannender Ort, um dort zu leben und zu arbeiten. Insbesondere gilt das für die rasant wachsende Großstadt Hanoi, in der Modernität und Tradition aufeinander prallen. Die Hauptstadt Vietnams ist zugleich (temporäre) Heimat für drei Frauen mit sehr unterschiedlicher Geschichte: Lea Seibert und Mai Lan Thai aus Deutschland sowie die Vietnamesin Huong Ly.

Das Reisen liegt Lea Seibert im Blut. Ihr Vater arbeitet als Forstwirt im Entwicklungshilfedienst. Lea lebte bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in Indonesien, ist danach häufig umgezogen. „Es gibt keinen wirklichen Platz, den ich Heimat nennen würde“, sagt die 27-Jährige. „In Asien fühle ich das vielleicht noch am ehesten.“ Lea wirkt herzlich und aufgeschlossen, sie strahlt, während sie erzählt. „Ich bin eher eine Kulturvermittlerin“, berichtet sie von einer Erkenntnis, die sie während des Studiums der szenischen Künste in Hildesheim gewonnen hat. Dort organisierte sie ein Theaterfestival – und wusste, dass ihre Zukunft eher hinter als auf der Bühne stattfinden sollte. „Vor allem hatte ich Lust, Kulturveranstaltungen im Ausland zu organisieren.“ Ermutigt durch die Erfahrungen bei einem Festival der Deutschen Botschaft in Singapur bewarb sie sich unter anderem beim Goethe-Institut Hanoi – und nahm die Herausforderung an, sich vier Tage nach Abgabe ihrer Diplomarbeit in den Flieger zu setzen, um das Parzival-Projekt an der Oper zu begleiten.

Ihr Freund, ein Engländer, hat sie begleitet von Berlin nach Hanoi. Kennengelernt hat sie ihn 2009 ausgerechnet in Hoi An: „Ich habe ihn angesprochen, aber nicht, weil ich ihn so toll fand, sondern weil ich einen Stuhl von seinem Tisch ausleihen wollte. Wir kamen ins Gespräch und haben uns direkt so gut verstanden, dass wir zusammen weitergereist sind.“ Für Lea und ihren Freund war es selbstverständlich, dass sie gemeinsam nach Vietnam gehen würden – genauso, wie sie nun zusammen nach London ziehen. „Ich finde es toll, dass er mich so versteht“, sagt Lea, für die bei einem Mann vor allem Intelligenz und Humor wichtig sind. Gleichberechtigung ist für sie essentiell in einer Partnerschaft: „Aber zur Emanzipation gehört für mich auch, dass jeder so ist, wie er ist: Ich liebe Kochen, da darf er sich nicht einmischen. Er hingegen hat als Investmentbanker gearbeitet, also kümmert er sich um die Finanzen. Dabei geht es aber nicht um Rollenverteilung, sondern Interessen.“

Heiraten ist für Lea bislang kein Thema. „Ich weiß nicht, ob das notwendig ist. Für Kinder von geschiedenen Eltern ist das immer eine schwierige Aufgabe. Aber ich denke, das wir ein gutes Paar sind.“ Kinder hingegen sind Lea wichtiger als eine Hochzeit. „Drei würden super in ein Auto passen“, sagt sie und lacht herzlich. Wegen des Nachwuchses nicht mehr zu arbeiten – das kann Lea sich allerdings nicht vorstellen. Und doch scheint sie gerade an einer Stelle in ihrem Leben angelangt, an der sich etwas verändert: „Ich bin so viel herumgereist. Nach drei Jahren am selben Ort bin ich unruhig geworden“, erzählt Lea. „Aber für mich als Mensch ist das nicht gut. Es ist zwar ein großer Luxus, das alles gesehen zu haben – aber bislang sind Freunde und Familie meine Heimat und ich hätte gern auch einen Ort, den ich so nennen kann.“

Dass Lea mit 27 noch unverheiratet und kinderlos ist, entspricht dem statistischen Trend in Deutschland: Das durchschnittliche Heiratsalter lag im Jahr 2009 laut Statistischem Bundesamt bei 33 (Männer) bzw. 30 Jahren (Frauen). Und die Zahl der Geburten sinkt: 2009 erreichte sie mit 1,36 Kindern pro Frau ein Rekordtief – damit bildet Deutschland in Europa das Schlusslicht. Zudem werden diejenigen, die ein Kind bekommen, immer älter: Die durchschnittliche Zahl der Geburten bei jüngeren Frauen ging 2009 zurück, während sie bei den Frauen ab 33 Jahren zunahm. Die Kinderlosigkeit in Deutschland ist ein gesellschaftliches Phänomen geworden. Der Bildungsstandard spielt dabei eine entscheidende Rolle: Experten sehen eine Ursache für die Kinderarmut in der immer längeren Ausbildung. Und in Westdeutschland gilt: je höher der Bildungsstand, desto häufiger ist eine Frau kinderlos.

In Vietnam hingegen gibt ein Besuch im Frauenmuseum von Hanoi schon im Foyer Aufschluss über das weibliche Idealbild: Eine große, goldene Statue zeigt eine heroisch dreinblickende Frau mit einem Kind im Arm – sie ist Mutter und tragende Säule der Gesellschaft zugleich. „Die Familie ist ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Das Ziel nahezu jeder Frau ist es, verheiratet zu sein“, erklärt Elena Hansen, die als Junior Expert des DED, jetzt GIZ, ein Jahr lang im Museum gearbeitet hat. „Kinder zu kriegen spielt eine weit größere Rolle als zum Beispiel in Deutschland.“

Auch für die Vietnamesin Huong Ly war es wichtig, Mutter zu werden. Sie wirkt wie eine moderne junge Frau, trägt Kleidung nach dem neuesten Stil, hat eine moderne Frisur, spricht sehr gutes Englisch und tritt selbstbewusst auf – und doch zögert sie, sich selbst als modern zu bezeichnen. Hanoi ist ihre Heimat: Hier ist sie geboren, hier lebt sie gern. „Ich würde nicht im Ausland leben wollen. Hier ist meine Familie, hier geht es mir gut“, sagt Huong Ly. Die 31-Jährige lebt mit ihren Verwandten und fühlt sich ihnen sehr verbunden – während es in Deutschland viele junge Menschen eher vom Elternhaus weg in die Selbständigkeit zieht. Die Familie aber ist für Le Huong Ly auch eine Gemeinschaft, die sie unterstützt und auffängt: Für Huong Ly wäre es niemals in Frage gekommen, nach der Geburt ihres Sohnes nicht mehr arbeiten zu gehen. Deswegen half ihr die Großmutter bei der Kinderbetreuung – inzwischen geht der Dreijährige in den Kindergarten. Denn Huong Ly trägt viel Verantwortung und hat einen arbeitsintensiven Tag: Sie ist seit sieben Jahren Managerin des Hotels, das ihrer Familie gehört. Doch trotz der familiären Verknüpfung hat Le Huong Ly eine höchst professionelle und freundliche Art, das Hotel zu führen: Sie begrüßt jeden Gast – meist sind es Besucher aus dem Ausland – mit einem strahlenden Lächeln und schafft eine persönliche Atmosphäre. Sie vermittelt das Gefühl, mehr Gast als Kunde zu sein.

„In der Zukunft könnte ich mir allerdings auch vorstellen, mich beruflich zu verändern.“ Le Huong Ly würde gern ein eigenes Geschäft mit ihrem Mann aufmachen – und das, obwohl sie nicht gern kocht. „Aber ich könnte ja einen guten Chefkoch anheuern“, sagt sie und lacht herzlich. Geheiratet hat Le Huong Ly vor fünf Jahren, mit 26: An ihrem Mann schätzt sie, dass er stark ist, sie ihm vertrauen kann und er sie liebt und sich um sie kümmert. Für Le Huong Ly ist selbstverständlich, dass ihre Beziehung auf Augenhöhe stattfindet – anders, als vielleicht noch bei den Großeltern. „Bei wichtigen Entscheidungen fragen wir den anderen nach seiner Meinung“, sagt Le Huong Ly. Zum Putzen hat sie eine Hilfe eingestellt. „Die Frau muss nicht alles selbst machen – aber es wird erwartet, dass sie Hausarbeit und Kinderbetreuung organisiert. Der Mann hingegen verdient mehr Geld.“

Ein wenig von beiden Kulturen trägt Mai Lan Thai in sich: Ihre Eltern sind Vietnamesen, sie wuchs aber in München auf. Deswegen war es für sie auch kein Kulturschock, als sie im Januar 2010 beim Goethe-Institut Hanoi im Bereich Kulturvermittlung anfing – eine geographische Veränderung, bei der sie ihr Freund begleitet hat: „Das war mir sehr wichtig. Aber nur, weil er auch einverstanden war. Ich würde das nicht auf Biegen und Brechen erzwingen. Allerdings würde ich ihn auch begleiten, wenn er irgendwo anders hingeht.“ Jetzt kann ihr Freund ihre Wurzeln kennenlernen – und einen Teil von ihr selbst. Für sie ist die Zeit hier „unheimlich wichtig“, weil sie ihre Sprachkenntnisse festigen konnte, vor allem aber, weil ihre „vietnamesische Seite viel selbstbewusster geworden ist.“ Trotzdem kann sich die 29-Jährige nicht vorstellen, für immer in Hanoi zu bleiben – so, wie sie sich das bei keinem Ort dieser Welt ausmalen kann. Schon nach ihrem Studium der Sinologie, Philosophie und BWL zog es sie nach England, wo sie ihren Master in Urbanisierung und Stadtentwicklung gemacht hat. Und auch in Hanoi hat sie schon zwei Mal mit Kurzverträgen gearbeitet. „Ich liebe es, unterwegs zu sein. Aber das kann sich natürlich auch ändern.“

Denn Mai Lan wünscht sich, in Zukunft eine eigene Familie zu haben. Auch zu heiraten kann sie sich vorstellen, „aber es ist nicht essentiell für mich.“ Umso befremdlicher findet Mai Lan den gesellschaftlichen Druck, der in Vietnam auf junge Frauen ausgeübt werde: „Ich habe versucht, meinen Freundinnen zu erklären, dass es woanders nicht wichtig ist, verheiratet zu sein. Es ist doch schlimm, wenn mit 28 Jahren der Zug abgefahren sein soll.“ Auch die entsetzten Reaktionen, wenn sie in Restaurants nach ihrem Familienstand gefragt wird, findet Mai Lan befremdlich. Vietnamesisch fühlt sie sich hingegen in der Art, wie sie sich um ihren Freund sorgt: „Ich kümmere mich gern um ihn.“ Sie schätzt den Humor und die guten Gespräche an ihrer Beziehung und hält Gleichberechtigung hoch – und das nicht nur beim Hausputz, sondern auch bei der Arbeit: „Die ist total zentral in meinem Leben. Ich definiere mich sehr stark über meine Arbeit.“ Doch egal, wie lange Mai Lan im Büro hockt – ihre Familie liegt ihr so am Herzen, dass sie jeden Tag mit ihrer Mutter telefoniert. „Ich merke, dass ich sehr deutsch denke – aber ich fühle oft vietnamesisch.“

Nadine Albach
veröffentlicht am 14. Februar 2011 in Tienphong Daily.

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