Hanoi

Hanoi, 29.1.2011: Ein Tauchgang in die asiatische Philosophie

 © Nadine Albach besucht die Grabanlage von Khai Dinh in Hue © Foto: Nadine Albach Gedanken über das Leben und den Tod in der riesigen Grabanlage von Kaiser Minh Mang.

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Unser Guide sah uns an und wartete gespannt auf eine Antwort, während wir ihn recht überrascht ansahen. Plötzlich hatte sich mein Ausflug nach Hué, der alten Kaiserstadt, in einen philosophischen Tauchgang verwandelt. Und das erwartet man bei einer Tagestour für 8 Dollar nicht unbedingt. Doch wir standen inmitten der riesigen Grabanlage von Kaiser Minh Mang – dem perfekten Ort, um über Tod, Glauben, Leben zu debattieren.

„Die meisten würden jetzt antworten: „Die Intelligenz“, erlöste unser Guide uns, „das stimmt aber nicht. Der Mensch will immer mehr, als er braucht. Das Tier hingegen nimmt sich nur, was es zum Leben benötigt. Ein Tiger würde nie mehr essen, als es sein Hunger verlangt.“ Deswegen, erklärte der Guide, komme das Tier im buddhistischen Lebenskreislauf auch nach dem Menschen und vor dem Himmel – bevor die nächste Runde losgeht. Erlösung aus diesem Zirkel könne ein Buddhist erst erhoffen, wenn er frei von Bedürfnissen sei und so ins Nirvana eingehe.

Ich hatte meinen Fotoapparat vorsichtig in die Tasche gesteckt, irgendwie will man nicht mehr nur Tourist sein, wenn man plötzlich so hineingleitet in asiatische Philosophie. Und das, obwohl zwar die Mehrheit der Vietnamesen behauptet, dem Buddhismus anzugehören, de facto im Leben aber nicht ganz so streng in der Auslegung der Glaubensregeln ist, wie der Kollege Phuong von der vietnamesischen Zeitung mir schmunzelnd erklärte: Räucherstäbchen anzünden ja, aber nicht zu viele Einschränkungen im Lebensstil. Wenn es aber um den Tod geht, ist es wieder eine andere Sache. „Es gibt sehr viele Regeln, die wir beachten müssen, wenn jemand stirbt“, sagte unser Guide in Hué.

Tote brauchen Hilfe ihrer Überlebenden

Denn die Toten scheinen jede Menge Arbeit nach ihrem Ableben zu haben und brauchen dabei Unterstützung von ihren Hinterbliebenen: Der Verstorbene müsse insgesamt zehn Pforten der Hölle durchschreiten, bevor er im Himmel ankommt. Die ersten sieben schafft er in den 49 Tagen nach seinem Tod – so dass die Familie am 50. ein großes Fest für ihn gibt. Nach 100 Tagen schließt sich gleich das nächste an. Fortan wird der Todestag in jedem Jahr mit einem Familienessen begangen – ein Tag, an dem ein Arbeiter immer frei hat, auch wenn die Firma gerade untergeht.

Gemeinschaft und Familie sind eben wichtiger als alles andere. Das gilt auch für die Toten: In jeder Wohnung, selbst in jedem Geschäft gibt es einen kleinen Altar mit Fotos und Geschenken. Außerdem verbrennen die Angehörigen zu Anfang, Mitte und Ende eines Monats Papiergeld, um den Ahnen Liquidität im Jenseits zu verschaffen. „Die Geschenke haben sich der modernen Zeit angepasst“, sagt Ly, die Managerin meines Hotels. „Wir schenken den Verstorbenen Fernseher, Computer, Autos, weil wir wollen, dass sie ein gutes Leben haben.“ Natürlich in Mini-Varianten. Der Guide in Hué lächelt. „Der Tod ist teurer als das Leben in Vietnam.“

Nadine Albach
veröffentlicht am 29. Januar 2011 in der Westfälischen Rundschau.

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