Hanoi

Hanoi, 21.1.2011: Tanz im Verkehr von Hanoi

 © Verkehr in Hanoi © Foto: Nadine AlbachDer Verkehr ist das prägendste Bild für einen Neuling in Hanoi. Wer Abenteuer sucht, wird in der Hauptstadt an jeder Straßenecke fündig: Von einer Seite zur anderen zu kommen, gleicht einem Überlebenstraining.

Doch der rapide wachsende Straßenverkehr ist auch für Einheimische eine große Gefahrenquelle: Vietnam gehört laut Goethe-Institut zu den Ländern mit der höchsten Rate an Verkehrstoten. Zwar ging die Zahl der im Straßenverkehr tödlich Verunglückten in Vietnam nach Angaben des Transportministeriums 2010 landesweit leicht zurück um 0,3 Prozent auf 11 060 – die Zahl der Unfälle allerdings stieg im Vergleich zu 2009 um satte 16 Prozent auf 13 713.

Eine Vorbereitung gibt es nicht. In Deutschland habe ich viel über Hanoi gelesen, auch Dokumentationen gesehen – doch all das hilft nichts. Als ich das erste Mal eine Rush Hour miterlebe, stehe ich staunend am Straßenrand und sehe mir diesen Tanz der Masse an. Tausende von Motorrädern bewegen sich wie ein Schwarm aufgescheuchter Wespen durch die schmalen Straßen. Der dichte Verkehr sei eine der größten Herausforderungen: Die Stadt widme ihm „hohe Aufmerksamkeit“ und investiere in Lösungen, sagt Nguyen Hang Hai, Direktor des Urban Transport Management and Operation Centre.

Das Hupen ist ohrenbetäubend; eine Kakophonie der Großstadt. Eine Erinnerung daran, dass man selbst inmitten dieser Masse tatsächlich existiert und nicht im Fluss des Verkehrs unterzugehen droht. Fasziniert beobachte ich, wie die Motorradfahrer sich durch jede noch so kleine Lücke quetschen und dabei noch Bilderrahmen, Flachbildfernseher oder gar eine Popcornmaschine transportieren. Das höchste der Gefühle ist bei uns Deutschen ein Bierkasten auf einem Roller.

Irgendwie schaffen die Verkehrsteilnehmer in Hanoi es, in all diesem Chaos den Überblick zu behalten. Welchen Regeln dieser Irrsinn folgt – dafür hat der Komponist Pierre Oser, der gerade an der Parzival-Inszenierung im Opernhaus Hanoi mitarbeitete, eine schlüssige Theorie: „Es funktioniert, weil jeder nur auf sich selbst achtet.“ Die Mopedfahrer schauen nur darauf, wie sie sich sicher durchlavieren können – und nicht nach den Verkehrsregeln. In Deutschland würde das sicherlich zu 100 Unfällen pro Sekunde, Gebrüll und Herzinfarkten führen: Bei uns pochen viele Autofahrer darauf, die Regeln einzuhalten und ihr Vorrecht auszunutzen. Ein grundsätzlich anderer Zugang zum Verkehr. Die Vietnamesen scheinen von einer pragmatischen „Es kommt wie es kommt“-Einstellung geprägt zu sein –gucken und unmittelbar reagieren. „Mich erinnert der Verkehr an ein Erlebnis, das ich beim Tauchen in Brasilien hatte“, erzählt der deutsche Choreograph Henning Paar, der ebenso an dem Parzival-Projekt mitwirkte: „Ich schwamm inmitten eines Schwarms von Fischen, die immer eine bestimmte Grundgeschwindigkeit einhielten und um mich herum wuselten – mich aber nie berührt haben.“

Bei all der Bewunderung für das Verhalten der Verkehrsteilnehmer erlebe ich aber auch die großen Probleme, die aus dem Chaos auf den Straßen resultieren. Die Überquerung von einer Seite zur anderen wird zur Darwin‘schen Herausforderung. Verkehrsampeln für Fußgänger scheinen oft eher dekorative Funktion zu haben. Und als ich versuche, zur Stoßzeit durch eine Straße zu gehen, komme ich plötzlich nicht mehr voran: So schmal ist die Fahrbahn, dass sich die Motorräder und Taxis stauen bis an den Horizont, es gibt kein Vor und Zurück mehr – und schließlich brechen die Mopedfahrer aus und brausen über die Bürgersteige.

Laut Transportministerium gab es 2010 insgesamt 210 Staus, die länger als eine Stunde dauerten, die meisten davon in Hanoi, Ho-Chi-Minh-City und Quang Ninh. „Die Staus sind das größte Problem in Hanoi: Die Anzahl der Fahrzeuge steigt enorm schnell an, insbesondere die der privaten Motorräder und Autos. Zudem ist die Breite der Straßen sehr begrenzt, während der Andrang immer größer wird“, erklärt Nguyen Hoang Hai.

Natürlich ist die steigende Zahl der Autos (plus 12,1 Prozent im Vergleich zu 2009) und der Motorräder (plus 10,3 Prozent) ein Zeichen des wachsenden Wohlstands. Wo aber sollen all diese Fahrzeuge noch Platz finden? Über 2,5 Millionen Motorräder quälen sich nach letzten Angaben durch die engen Fluchten. Während der Hauptverkehrszeiten liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 18 bis 20 km/h für die kleinen Flitzer, wie Nguyen Hoang Hai errechnet hat.

Nicht nur ein Problem der Fortbewegung, sondern auch eines für die Umwelt: Abends spüre ich, wie meine Kehle ganz trocken ist und ein bitterer Geschmack mit Limonade bekämpft werden will. Jetzt wundere ich mich nicht mehr über die vielen Atemschutzmasken, die hier beinahe jeder Motorradfahrer trägt und über deren Muster – von Herzchen über Karos bis zu Totenköpfen – ich anfangs noch lächeln musste. In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass die Schadstoffwerte der Luft in Hanoi teilweise höher sind als die Bangkoks.

Eine offensichtliche Lösung ist der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Doch als ich zu einem Museum fahren will, werde ich im Hotel gewarnt: Die Kriminalität in den Bussen sei hoch – und wer einen Motorroller habe, der setze sich keinesfalls in diese Vehikel. Trotzdem will ich es wagen. Als ich einsteige, bietet eine freundliche junge Frau mir den Platz neben sich an. Der Preis ist mit 3000 Dong günstig – in Deutschland kostet eine Fahrt mindestens 35 000 Dong. Ich habe Glück und erwische einen Bus, der leer ist und mich zügig voranbringt. Am Abend aber sehe ich ein Exemplar, in dem die Menschen dicht an dicht gequetscht sind. „Es gab massive Veränderungen seit den letzten zehn Jahren: Die Anzahl der Busse ist deutlich gestiegen und auch die Anzahl der Passagiere ist hoch“, sagt Nguyen Hoang Hai. „Insbesondere Studenten und alte Menschen nutzen den Bus häufig. Allerdings ist die Servicequalität noch nicht ausreichend und deckt nicht unbedingt die Bedürfnisse der Bürger, die pünktlich an ihrem Ziel ankommen wollen. Die Busse sind häufig verspätet – aus vielen Gründen, wie zum Beispiel den vielen Staus und die Kunden müssen zu lange warten. Auch die Frequenz der Fahrten ist noch nicht ausreichend.“

Was für ein Segen ist da die Aussicht auf unterirdischen Nahverkehr. „Die Metro ist bereits geplant und soll auf jeden Fall gebaut werden“, erklärt Nguyen Hoang Hai. „Die Vorbereitungen für das Depot der Linie 3 haben begonnen. Ich denke, zwischen 2014 und 2016 sollten wir eine U-Bahn haben. Wenn sie im Einsatz ist, bin ich hundertprozentig sicher, dass es die Verkehrssituation massiv beeinflusst. Viele Menschen werden ihre Fahrten auf die Metro verlagern und die Fahrtzeiten reduzieren sich.“ Beim status quo aber ist es kein Wunder, dass viele lieber in die Taxen steigen, die im Vergleich zu Deutschland sehr günstig sind: Während bei uns eine Fahrt schon beim Einstieg 100 000 Dong kostet, ist der Kilometer in Hanoi für 11 500 Dong zu haben – plus Gelegenheit, einen Fahrer mit langen Fingernägeln in drei Handys sprechen zu sehen. Das Verkehrsproblem aber wird so nicht gelöst.

Um signifikante Veränderungen zu bewirken, sind einige Maßnahmen für Nguyen Hoang Hai unerlässlich: „Wichtig ist, die Zahl der Privatfahrzeuge zu kontrollieren und dem öffentlichen Nahverkehr in bestimmten Arealen der Innenstadt Priorität zu geben, während die Zufahrt für private Fahrzeuge limitiert wird – so dass mehr Menschen Bus fahren.“ Das Department of Transport habe einen Plan zum Ausbau des Nahverkehrs und der Fußgängerbereiche bis 2020 erarbeitet. Allerdings wären auch Strukturveränderungen positiv, wie Nguyen Hoang Hai erklärt: „Wir haben Privatfahrzeuge, Busse, Motorräder und Spaziergänger: Hanoi braucht eine starke Organisation, die sich zentral um all das kümmert. Bisher gibt es verschiedene Zuständigkeiten. Natürlich werden Informationen ausgetauscht und vernetzt, aber das bringt Reibungsverluste mit sich.“

Meine persönliche Perspektive auf den Verkehr jedenfalls verändert sich noch einmal durch die Fahrt als Beifahrerin auf einem Motorroller: Selbst ein Teil dieser irrwitzigen rollenden Gesellschaft zu werden – das ist großartig. Und weniger bedrohlich als aus der Perspektive der Fußgängerin. Das Hupen ist plötzlich wie ein Gesang, die Lichter der Motorroller verlockend, das Brausen mitreißend. Ich bin ein Fisch in diesem lebendigen Schwarm. Vielleicht traue ich mich ja selbst bald, einen Motorroller zu fahren – und über die Bürgersteige Hanois hinweg zu schwimmen.

Nadine Albach
veröffentlicht am 21. Januar 2011 in Tienphong Daily.

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