Hanoi, 20.1.2011: Konkurrenz aus Vietnam

Das liegt an den schönen Seidenwaren und vor allem an der Keramik – und so war ein Besuch des Dorfes Bat Trang für mich ein Muss. Jedenfalls ist die Keramik aus Südostasien, da wir in einer globalisierten Welt leben, eine echte Konkurrenz für die aus Europa.
Wir fahren über Land, lassen die geschäftigen Straßen Hanois hinter uns und sehen unzählige halbfertige Gebäude, deren Preise denen deutscher Immobilien ähneln – obwohl die Menschen in Deutschland zu viel höheren Gehältern arbeiten. Nach vielleicht halbstündiger Fahrt erreichen wir das kleine Dorf Bat Trang, das, wie ich erfahren habe, fast in allen Teilen Vietnams bekannt ist.
Noch bevor wir den Markt erreichen, passieren wir ein Geschäft nach dem anderen. Eine ältere Frau bietet direkt an, uns ihr Handwerk vorzuführen, doch wir suchen erst einmal die Marktstände auf. Ich frage mich, warum die Regale unter dem Gewicht all der Tassen, Teekannen und Teller nicht bersten. Als wir durch die schmalen Gänge gehen, habe ich Angst, etwas kaputt zu machen. Eine alte Frau warnt mich sogar, ich solle mit meiner großen Handtasche aufpassen. In Deutschland habe ich so etwas wie Bat Trang noch nie gesehen, obwohl Porzellan bei uns auch eine reiche Tradition hat.
Beispielsweise wurde das erste Porzellan Europas im Jahr 1708 in der Stadt Meißen hergestellt. Die Meißener Porzellan-Manufaktur ist bis heute berühmt – lässt sich aber nicht mit Bat Trang vergleichen: Das Porzellan des deutschen Unternehmens ist sehr teuer und wird von Kunstliebhabern gesammelt. Eine Tasse kann um die 200 Euro kosten (5 000 000 Dong) – was in Deutschland teuer ist. Ein normaler Preis für eine Tasse in Deutschland würde zwischen 5 und 10 Euro liegen, was 125 000 bis 250 000 Dong entspricht.
So erscheint mir alles, was ich in Bat Trang sehe, sehr günstig – und sieht dabei exotisch aus. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich als erstes kaufen soll, denn ich denke immer an das Gewicht meiner Koffer. So kaufe ich erst mal gar nichts, sondern spreche mit Phuong: Die junge Vietnamesin arbeitet seit vier Jahren in Bat Trang. „Meine Familie hat hier eine sehr große Werkstatt“, erklärt sie mir. Phuong erlernte die traditionelle Brenntechnik der Keramik mit 16 Jahren. “Mein Vater, meine Mutter, mein Großvater haben Keramik hergestellt. Meine Familie ist schon seit über 100 Jahren in diesem Geschäft.”
Auch das Dorf Bat Trang selbst ist schon sehr alt. Nach Aussage der Firma “CK&T CERAMICS Co., LTD”, die ihre Keramik aus dem kleinen Dorf in die ganze Welt exportiert, besitzt das Nationale Historische Museum von Vietnam in Hanoi eine 700 Jahre alte Keramiksammlung aus Bat Trang. Dieser Quelle zufolge ist das Dorf heute sehr erfolgreich und exportiert jährlich Keramik im Wert von über 40 Mio. Dollar. In einer globalisierten Welt zeigt der Exportboom der günstigen Keramik aus Südostasien auch Auswirkung auf den Markt in Europa und Amerika und führt zu Fusionen traditioneller Unternehmen. Nach Angabe der IG BCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie) waren im Jahr 2009 sowohl der Umsatz als auch die Zahl der Beschäftigten in der Keramikindustrie in Deutschland rückläufig.
Auch in Bat Trang selbst findet man hier und da Hinweise auf den weltweiten Handel: in der Werkstatt für neue Keramikartikel entdecke ich kleine Halloween-Artikel, vielleicht für den amerikanischen Markt. Lächelnde Kürbisse und Totenköpfe, aber auch Figuren, die Micky Maus und Donald Duck ähneln. Im Augenblick ist die Globalisierung aber kein Thema für die freundliche Mrs. Hang: seit dem Morgen ist Bat Trang von der Stromversorgung abgeschnitten – so dass alle Kaufleute, auch sie selbst, direkt dem kalten Wetter ausgesetzt sind. Mrs. Hang wärmt sich an einem Heizkissen, um die Kälte abzuwehren. Sie muss noch ein Weilchen aushalten, denn der Arbeitstag geht von 8 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags. Bisher ist sie aber noch nicht krank geworden – und so bleibt sie freundlich und entspannt. Ich selbst bin nicht so tapfer: mit einem schönen Teller und zwei Schüsseln in der Tasche mache ich mich auf den Rückweg ins Zentrum von Hanoi, um einen heißen Tee zu trinken.
veröffentlicht am 20. Januar 2011 in Tienphong Daily.