Dortmund, 22.10.2010: Von singenden Polizisten und Disziplin im Verkehr

„Was mich am meisten überrascht, wenn ich mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln in Deutschland fahre, ist die Tatsache, dass ich bequem den Zugang zur U-Bahn erreichen kann, ohne eine Kontrollschranke passieren zu müssen, wie es in den meisten Ländern der Welt der Fall ist. In Japan, Singapur, Frankreich, Italien oder in Amerika gibt es z.B. automatische Drehkreuze.
Dass es diese in Deutschland nicht gibt, zeugt von großer Selbstdisziplin. Einmal sah ich, wie ein alter Mann seine U-Bahn in Berlin verpasste, weil seine Hände so sehr zitterten, dass er seine Fahrkarte nicht in den Schlitz des Entwertungsautomaten hineinstecken konnte. Lieber verpasste er seine Bahn als das Gesetz zu verletzen. Dann habe ich ihm beim Entwerten seiner Fahrkarte geholfen, so dass er die nächste Bahn nehmen konnte.
Ein Vietnamese, der seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, erzählte mir, er sei von der Korrektheit der Deutschen so sehr ‘angesteckt’ worden, dass er, wenn er versehentlich einmal schwarzführe, das Gefühl habe, riesige Steine an seinen Füßen würden ihn hindern, in die Bahn zu steigen. Die strikte Befolgung der Verkehrsregeln durch die Bürger, von den Fußgängern bis zu den Autofahrern, zeigt auch den hohen Organisationsgrad der Gesellschaft. Sogar, wenn die Ampel auf Rot umgesprungen ist und Menschen trotzdem die Straße überqueren, gestatten ihnen dies die Autofahrer, indem sie sie sehr freundlich mit einer Handbewegung dazu einladen.
Solches Verhalten ist in Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt schwer vorstellbar, wo der Verkehr ziemlich chaotisch ist und jeder die Neigung hat, die Vorfahrt von anderen Verkehrsteilnehmern zu erkämpfen. Sie fahren sogar über Rot, wenn sich in ihrer Nähe eine Polizeistreife befindet.
Freundliche Gespräche
In Dortmund, Bochum oder Berlin, wo ich eine lange Zeit verbracht habe, ist mir bislang noch kein Verkehrspolizist begegnet. Verkehrspolizisten in Vietnam sind ständig auf den Straßen präsent.
Jüngst aber habe ich in der Fußgängerzone im Stadtzentrum von Bochum viele Uniformierte auf einmal gesehen. Sie sind alle freundlich; sie können außerdem musizieren und singen sehr schön mitten in der Stadt; die Bürger ihrerseits stehen um sie herum und klatschen. Es gibt einen Informationsstand für die Bürger. Ich sehe, wie zahlreiche Passanten und Anwohner bei den Polizisten haltmachen und sich mit ihnen herzlich unterhalten.
Es ist auch eine gute Gelegenheit für die Bürger, direkt mit den Polizisten zu sprechen und gegebenenfalls Beschwerden zu äußern. Auf diese Art und Weise wird der Eindruck eines freundlichen und nahbaren Polizisten bei den Bürgern erweckt.
veröffentlicht am 22. Oktober 2010 in der Westfälischen Rundschau.
Aus dem Vietnamesischen übersetzt von Cao Quang Nghiep.