Vilnius

Vilnius, 10.3.2013: Was Gorbatschow im sowjetischen Musterdorf Litauens suchte (2)

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Zeitzeugen erinnern sich an pikante Details des Besuchs von Michail Gorbatschow in Litauen, anno 1990 (Copyright: RIA/Scanpix)

Den Spuren von Gorbatschow gefolgt: Im Januar 1990 besuchte der Chef des sowjetischen Imperiums das litauische Dorf Bridai, zwei Monate vor der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens. Zeitzeugen erinnern sich an die Zeit vor und nach dem 11. März. Von Monika Griebeler und Vytenė Stašaitytė

„Unser Dorf hat keine Geschichte. Es wurde auf einem flachen Feld gebaut, wo es nur einige einzelne Gehöfte gegeben hat. Aus der ganzen Republik wurden die besten Spezialisten hierher gebracht, es wurden Straßen angelegt und Häuser gebaut“, sagt die Ortsvorsteherin Rasa Šiškuvienė.

Tatsächlich hat das Dorf jedoch eine Geschichte, eine schaurige sogar. Und deren Zeitzeugen sind auch noch am Leben. Vielleicht wurde Bridai nur deshalb ein solches sowjetisches Musterdorf, weil der Widerstand hier mit der Wurzel ausgerottet wurde: „Alle Bewohner von Bridai wurden nach dem Krieg deportiert. Davor war es ein sehr litauisches, patriotisches Dorf gewesen. Bauernhöfe hatten hier ihren festen Stand“, erinnert sich Adelė Jokubaitytė-Bekasovienė-Kazėnienė. Sie ist eine derjenigen, die vertrieben wurden – nach Sibirien. Heute lebt sie im neuen Altersheim von Bridai.

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Nach Sibirien deportiert: Adelė Jokubaitytė (Foto: T. Vinicko/„Delfi“)

Nach der Abschaffung des Frondienstes hatten die Menschen die Möglichkeit bekommen, eigenes Land zu erwerben, und Jokubaitytė-Bekasovienė-Kazėnienės Familie hatte während des Krieges den Preis für ihre 45 Hektar bereits komplett bezahlt. Wie viele andere Menschen seinerzeit hatte die Familie jedoch keine Zeit, sich über ihr Eigentum zu freuen: Als die Sowjets nach Litauen einmarschierten, wurde den Menschen ihr Land weggenommen. Die Bewohner wurden entweder deportiert oder sogar erschossen, wenn sie den litauischen Partisanen in den Wäldern halfen. Der Großteil der mehr als 20 Familien, die in der Gegend um Bridai lebten, wurde nach Sibirien gebracht, sagt Jokubaitytė-Bekasovienė-Kazėnienė.

Die damals 17-Jährige wollte eigentlich Lehrerin werden. Sie machte sich Sorgen, dass die Schüler ihr als junger Lehrerin nicht gehorchen könnten. Auf die Probe stellen konnte sie es jedoch nicht mehr. Der KGB schlich sich als Partisanen getarnt ein, erschoss ihre Mutter, ihren Onkel und eine Näherin, die zufällig zu Besuch war. Das Mädchen selbst landete in den Salzgruben von Irkutsk.

Zwei-Klassen-Gesellschaft: Vertriebene und Einwohner

Erst nach dem Tode Stalins kehrte sie von Sibirien nach Litauen zurück. Wegen ihres Vertriebenen-Status konnte sie lange keinen Job bekommen, der ihrer Lehrer-Ausbildung entsprach. So arbeitete sie zunächst in einer Leinen-Fabrik, danach in einer Entenbrutstätte. Erst später fand sie – über Beziehungen – eine Anstellung als Sekretärin.

Der Gorbatschow-Besuch war ihr egal. „Was sollte dieser Gorbatschow? Ich habe in Šiauliai gewohnt und habe mich um meine Familie und meine Angelegenheiten gekümmert“, sagt Jokubaitytė-Bekasovienė-Kazėnienė. Auch ihr jüngerer Bruder, der aus Sibirien nach Bridai zurückgekehrt war, hat nichts unternommen. „Der Bruder seiner Frau war ein Mitglied der Kommunistischen Partei. Und mein Bruder hatte einen niedrigeren Stand – er war ja ein Vertriebener, ein Taugenichts, einer mit einem ‚unsauberen’ Herz”, so Adelė Jokubaitytė-Bekasovienė-Kazėnienė.

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Zum Gorbatschow-Besuch versammelten sich große Menschenmengen auf den Straßen Bridais (Copyright: Aloyzas Jocas /Foto: T. Vinicko)

Sie verstehe, dass die Bridai-Bewohner zufrieden mit dem Leben in der Sowjetunion sein konnten, sagt sie. Doch ihre Schicksalsbrüder und -schwestern hatten es nicht so leicht. „Wenn Gorbatschow hierher gekommen ist, dann musste diese Kolchose richtig beispielhaft sein. Uns hat das jedoch wenig Freude gebracht.” Jokubaitytė-Bekasovienė-Kazėnienė schloss sich stattdessen der litauischen Freiheitsbewegung Sąjūdis an und schrieb ihre Memoiren Wie wir vernichtet wurden.

Der 11. März: Mit Freude oder ruhiger Beobachtung

Mit einem gewissen Vorwurf reagiert die heute 81-Jährige denn auch auf die Frage, ob sie sich gefreut hat, als die Unabhängigkeit Litauens am 11. März 1990 verkündet wurde: „Keine Frage. Selbstverständlich!“

Jonas Klusas, der ehemalige Traktorist, hörte die Nachricht, als er schon mit seiner Ehefrau im Bett lag. Ruhig und ohne Angst habe er sie aufgenommen, erinnert er sich. Auch mit Freude? „Es ist jetzt nicht schlimm. Ich möchte folgendermaßen auf die Aussage von Vytautas Landsbergis (das erste Staatsoberhaupt Litauens nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990, Anm. d. Red.), ‚Geld bringt das Glück nicht ...’ reagieren: Ohne Geld bist du ein Narr ...”, seufzt Klusas.

„Wir hier in Bridai sind typische Litauer – passive Beobachter. Wir haben weder sehr geweint, dass wir etwas verloren haben, noch uns riesig gefreut, dass etwas Neues begann”, wägt Rasa Šiškuvienė, die Ortsvorsteherin von Bridai, ab.

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Bridai heute: Hier wohnen Aloyzas und Zinaida Jocas (Copyright: Aloyzas Jocas/Foto: T. Vinicko)

Der ehemalige Kolchose-Chef Aloyzas Jocas sagt, dass er dem 11. März mit Freude und riesigen Erwartungen begegnet sei. Und das nicht, um plötzlich mit der Stimmung im Land konform zu gehen – sondern weil sie schon einige Zeit so gefühlt hatten. „Wir sind wie verrückt durch die Felder gerannt und haben uns mit Tränen in den Augen in den Baltischen Weg gestellt. Die Kolchose-Mitglieder eilten mit ihren Autos dorthin, wir hatten auch einen Bus“, erinnert sich Jocas. Seine Frau fügt hinzu, dass auch einige Menschen aus Bridai – ein Jahr nach dem Gorbatschow-Besuch – nach Vilnius gefahren sind, um dort die Freiheit des Landes zu verteidigen.

„Wir beschweren uns nicht. Wir haben uns allerdings auch früher nicht beschwert – es ging uns gut. Wir konnten fahren, wohin wir nur wollten – nur natürlich nicht ins Ausland“, erinnert sich Jocas. „Es war auch nicht jederzeit möglich, ein Auto zu kaufen, wenn man es wollte. In den letzten Jahren konnten wir für die Kolchose-Leute knapp vier Zhigulis kaufen – wobei 50 Leute auf der Warteliste standen.“ Und seine Frau fügt hinzu, dass es damals auch nicht einfach war, Schuhe zu kaufen.

Der Wandel habe zwar viel Gutes gebracht – aber nicht nur, meint Jocas: „Ich werden nie vergessen, wie ich nach der ganzen Umgestaltung ein Schreiben von der neuen Regierung bekam. Darin stand, dass ein Kolchose-Leiter ein 20-mal höheres Gehalt als ein Arbeiter bekommen kann.“ Früher habe der Vorsitzende 2,5-mal mehr Geld verdient: Wenn ein Arbeiter also 100 Rubel erhielt, bekam sein Chef 250 Rubel. „Diese 20 Mal waren unglaublich für mich! Ich habe deswegen sogar in Vilnius angerufen. Und es stellte sich heraus, dass so was tatsächlich möglich ist. Habe ich es deshalb getan? Nein. Mein Gewissen hätte mir so was nicht erlaubt“, so Jocas. Und was er nicht begreife: Warum die Menschen, die im sowjetischen System gewissenhaft gearbeitet haben, beschuldigt würden – bis heute.


Veröffentlicht am 10. März 2013 im litauischen Onlinemagazin „Delfi“ – anlässlich des Unabhängigkeitstags Litauens am 11. März


Teil 1: Was Gorbatschow im sowjetischen Musterdorf Litauens suchte
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