Vilnius

Vilnius, 10.3.2013: Was Gorbatschow im sowjetischen Musterdorf Litauens suchte

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Gorbatschow besuchte 1990 das litauische Dorf Bridai – um die Menschen vom Verbleib in der Sowjetunion zu überzeugen (Copyright: RIA/Scanpix)

Januar 1990: Litauen zählte gerade seine letzten Stunden in der Sowjetunion – da besuchte Michail Gorbatschow unerwartet das Land. Im Dorf Bridai trafen wir Zeitzeugen. Sie erinnern sich an die sowjetische Zeit und an pikante Details des Staatsbesuchs. Von Monika Griebeler und Vytenė Stašaitytė

Auf einmal war er da: Michail Gorbatschow, samt großem Gefolge aus Moskau, dem gesamten Zentralkomitee Litauens sowie der Elite des Sicherheitsdienstes. Am 12. Januar 1990 reiste er nach Šiauliai – und anschließend in das kleine Dorf Bridai.

Sie seien erst am Vorabend über den Besuch informiert worden, erzählen uns die Einwohner, deshalb hätten sie auch keine Zeit gehabt, das Dorf besonders hübsch zu machen. Das war eigentlich auch gar nicht nötig. Denn Bridai galt seit langem als „Perle der Sowjetzeit“. Wann immer Delegationen aus befreundeten sozialistischen Staaten nach Litauen kamen, wurde ihnen der Ort als Musterbeispiel sowjetischer Produktivität präsentiert.

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Aus Aloyzas Jocas Fotoalbum: Das ehemals sowjetische „Musterdorf“ Bridai (Copyright: Aloyzas Jocas/Foto: T. Vinicko)

Ein Ort, der allerdings auf verbrannter Erde entstand: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde fast das gesamte Dorf deportiert. Alle Zeichen der litauischen Unabhängigkeit wurden vernichtet.

Traktorist und Staatschef zusammen in der Limousine

Jonas Klusas arbeitete damals als Traktorist in der Kolchose Pirmyn! (Vorwärts!), ausgezeichnet mit verschiedenen Urkunden und Orden. Ihm wurde die Ehre zuteil, den ranghohen Gast Gorbatschow bei sich zu Hause zu empfangen. Uns begrüßt heute an der Haustür seine Tochter, Lina Sabutienė. Gastfreundlich bittet sie ins Wohnzimmer – den Raum, wo vor 23 Jahren Gorbatschow mit seiner Frau Raisa saß.

Klusas, der bald seinen 75. Geburtstag feiert, erfuhr erst am Morgen vom geplanten Besuch; kurz danach standen schon die Sicherheitsleute im Haus und durchsuchten es auf mögliche Gefahren. „Ich bin dann zusammen mit Gorbatschow von der Werkstatt bis zum Haus in der Limousine gefahren“, erinnert sich Klusas lächelnd. In seinem Eigenheim drängten sich bereits viele Menschen. Doch ins Wohnzimmer, in dem Klusas Frau, die zwei Töchter und der Schwiegersohn bereits warteten, wurden nur das Ehepaar Gorbatschow und seine ausgewählten Begleiter gelassen. Alle anderen mussten draußen bleiben.

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Bei ihm saß Gorbatschow auf dem Sofa: „Ich hatte ja keine Wahl", sagt Jonas Klusas (Foto: T. Vinicko/„Delfi“)

„Gorbatschow setzte sich, jagte die Journalisten weg, stellte einen Leibwächter in die Tür und sagte, er wolle sich jetzt erholen.“ Nichts sei für den Besuch vorbereitet gewesen: „Denn man hatte uns gesagt, dass wir nichts vorbereiten müssen. Er würde nichts essen, und wir sollten nichts anbieten.“ Für uns und die Mitarbeiter von Delfi tischt Tochter Lina Kaffee und Süßigkeiten auf. Aber unser Gespräch dauert auch viel länger als damals: Gorbatschow blieb gute 15 Minuten, zog nicht einmal seinen Mantel aus.

Wovon sie sprachen? „Ach, weißt du ...“ So richtig kann sich Klusas nicht mehr erinnern; Tochter Lina kommt ihm zu Hilfe: „Was macht Ihr Job? Wie geht es Ihnen? Einfach solche alltäglichen Sachen.“ Auch das Haus besichtigte das Ehepaar Gorbatschow. Routine für Familie Klusas, denn ihr Musterhaus wurde schon vorher häufig Gästen aus dem sozialistischen Block gezeigt. Oft hieß es dabei, dass die Familie unter sehr guten Bedingungen wohne und viel Platz habe.

Raisa und der abgerissene Rockknopf

Tochter Lina Sabutienė war damals 20 Jahre alt und fand den Gorbatschow-Besuch gar nicht so speziell. Sie hatte seinerzeit einen freien Tag, deswegen war sie zufällig zu Hause und einfach in den Wirbel der Geschehnisse geraten. Besonders interessiert habe sie sich aber nicht dafür, sagt Sabutienė heute. Nur die Ehefrau von Gorbatschow, Raisa, sei ihr ins Auge gefallen – sie schien ihr eine sehr schöne Frau zu sein. Und aufmerksam: Die „erste Lady der Sowjetunion“ schenkte den Töchtern der Familie Pralinen.

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Aus Aloyzas Jocas Fotoalbum: Raisa und Michail Gorbatschow gehen durch die Straßen Bridais (Copyright: Aloyzas Jocas/Foto: T. Vinicko)

Auch Rasa Šiškuvienė, die amtierende Ortsvorsteherin von Bridai, erinnert sich an einen Vorfall mit Raisa Gorbatschow. Šiškuvienė war erst seit ein paar Tagen Leiterin im Kindergarten, als der hohe Besuch dort einkehrte: „Raisa machte einen Schritt nach vorne und – schwupp – hielt sie sich den Bauch. Ihr Rockknopf war abgerissen!“ Die gesamte Delegation blieb stehen, sofort waren Nadel und Faden gefunden, und die Frauen, die im Kindergarten dabei waren, nähten den Kopf wieder an. Erst danach ging es weiter.

Andere Momente rufen bis heute unterschiedliche Reaktionen hervor – als Raisa die Kinder überraschend bat, etwas zu singen, zum Beispiel: Kurz waren die Erzieherinnen verwirrt, stimmten dann aber unisono das Lied Unsere schöne Familie hat sich hier heute versammelt an, und alle Kinder umringten Raisa Gorbatschow. „Hinterher wurde Politik aus diesem Spiel gemacht“, erzählt Rasa Šiškuvienė. Manche Leute vermuteten, sie hätten absichtlich dieses – aus ihrer Sicht unangemessene – Lied ausgewählt. Dabei sei es eine ganz spontane Entscheidung gewesen, versichert Rasa: Eben das Lied, was die Kinder gut singen konnten. Um Politik sei es dabei nicht gegangen.

„Mit der Freiheit wird alles teurer“, warnte Gorbatschow

Wohl aber bei dem Besuch an sich. In Gorbatschows Tross war auch Algirdas Brazauskas, der damalige Erste Sekretär der Kommunistischen Partei Litauens. „Gorbatschow sagte zu ihm: ‚Algirdas, es wird nichts mehr so sein wie es war. Ihr werdet für alles teuer zahlen müssen.’ Und so ist es doch heute, oder?“, erzählt Jonas Klusas, der ehemalige Traktorist, und fügt hinzu: „Gorbatschow war ein guter Mensch, echt. Er hat uns auch unseren Dom in Vilnius zurückgegeben. Wenn er nur ein einziges Wort gegen uns gesagt hätte, dann hätten die Sowjets hier alles ruiniert. Es hätte viel mehr Opfer gegeben. Die hätten die Leute damals wie Würmer zertreten.“

Auch der damalige Leiter der Kolchose Pirmyn! (Vorwärts!), Aloyzas Jocas, erinnert sich an die Warnungen Gorbatschows, wie schmerzlich die Folgen der Abspaltung für Litauen sein werden. Jocas hatte erst gezögert, sich mit uns zu treffen. Nach langen Verhandlungen willigt er schließlich doch ein, uns in seinem Haus zu empfangen.

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Aus Aloyzas Jocas Fotoalbum: Gorbatschow schüttelt Arbeitern der Kolchose „Pirmyn!“ die Hand (Copyright: Aloyzas Jocas/Foto: T. Vinicko)

Als Chef begrüßte er damals den Gast in seinem Betrieb. Gorbatschow besichtigte die Werkstatt der Kolchose – und ging gemeinsam mit Jocas sogar in die Sanitärräume. Das war eigentlich nicht geplant, sogar ein Leibwächter stellte sich ihnen in den Weg. „Ich habe ihn mit leichter Hand zu Seite geschoben. Damals habe ich gar nicht begriffen, dass etwas nicht in Ordnung war“, erzählt Jocas schmunzelnd.

Gorbatschow sprach auch mit den Arbeitern, erinnert sich der ehemalige Kolchose-Leiter. Sie fragten, womit sie rechnen müssen, wenn Litauen nach Freiheit strebe. Und der Politiker erklärte, dass die Trennung von der Sowjetunion schädlich sein werde. Doch die Gespräche waren nur kurz, keine Zeit, etwas zu vertiefen. „Es hat keine Taktlosigkeiten oder scharfe Aussagen gegeben“, sagt Jocas. „Gorbatschow selbst hat sich als einfacher Mensch gezeigt – freundlich, ohne zu viel Agitation zu betreiben.“ Zumindest bis zum Mittagessen.

Mit der Unabhängigkeit kamen die Vorwürfe

Zur Mittagszeit kehrten Gast und Gefolge im Spiegelsaal des Gesundheitszentrums ein, das Prunkstück und der ganze Stolz des Dorfes. Mit dem Chef der Sowjetunion waren auch seine Köche nach Litauen gereist. Borschtsch und Braten kochten zwar die Litauer – doch die Spezialisten aus Moskau kontrollierten genau, welche Zutaten verwendet wurden.

Beim Mittagessen fand Gorbatschow deutliche Worte, um die Litauer zur Vernunft zu bringen, erzählen uns Zeitzeugen: Das Verlassen der Sowjetunion sei für Litauen wirtschaftlich unvorteilhaft. Es gebe andere Möglichkeiten, nach mehr Freiheit zu streben. Er habe versprochen, Litauen eine völlige Handelsfreiheit zu gewähren und dass die Litauer künftig ihre Wirtschaft unabhängiger gestalten könnten.

„Damals hat es viel aufklärerische Propaganda gegeben: Angeblich wird unser Leben in zwei, drei oder höchstens fünf Jahren nach der Trennung von der Sowjetunion dem in Deutschland gleich sein. Dies hat die Menschen verwirrt, keiner hat die Realität vorhergesehen“, sagt Aloyzas Jocas, fügt jedoch sofort hinzu, dass er nichts gegen das freie Litauen hat. Ihm falle es einfach schwer, zu beobachten, wie die Reformen durchgeführt wurden – ein Weg der Zerstörung, nicht der der Kontinuität. „Mir kommen die Tränen, wenn ich durch Bridai gehe.“

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Aloyzas Jocas und seine Ehefrau Zinaida Jocas (Foto: T. Vinicko/„Delfi“)

Während er so erzählt, wird Jocas einige Male durch seine Ehefrau Zinaida unterbrochen, die nebenbei den Tisch mit allerlei Leckereien, Kaffee und Brandy deckt. Sie wirft ihrem Mann vor, dass er zu viel redet und dass es deswegen wieder Ärger geben könne. Nach dem politischen Wandel wurde auf ihrer Familie aufgrund des Postens ihres Mannes sofort das Etikett der „bösen Kommunisten und Kolchose-Leute“ aufgeklebt, sagt die ehemalige Arzthelferin. Für viele Menschen habe die geleistete Arbeit keine Bedeutung mehr gespielt. Man habe vergessen, dass Bridai nicht nur eine gut funktionierende Kolchose hatte, sondern auch durch sein Kulturhaus, durch sein Gesundheitszentrum, durch einen der schönsten Kindergärten der Republik sowie durch sein international ausgezeichnetes Gestüt ein bekanntes Dorf war. Und die Leute hätten vergessen, dass auch sie, die Familie Jocas für die Unabhängigkeit waren und auf dem Baltischen Weg gestanden hätten.

Jocas lässt seine Frau ausreden, dann erzählt er weiter: Gorbatschow blieb doppelt so lang in Bridai wie geplant – vier statt zwei Stunden. Der damalige Erste Sekretär des Ausschusses der Stadt Šiauliai der Kommunistischen Partei Litauens, Mindaugas Stakvilevičius, wurde schon ganz nervös, fragte ständig, wie der Besuch weiter geplant werden solle, erinnert sich Jocas. Doch Gorbatschow war damit beschäftigt, lokale Parteifunktionäre vom Schaden der Abspaltung Litauens zu überzeugen. „Raisa hat auch dauernd auf die Uhr geschaut und ihm Zeichen gegeben, dass er die Sitzung endlich beenden soll“, erzählt Aloyzas Jocas lachend. Dann machte Gorbatschow kurzen Prozess: Der Besuchsplan wurde geändert. Der Präsident der Sowjetunion wünschte, sich zu erholen – und traf die Parteifunktionäre der Stadt eben nicht mehr.

Aus Sicherheitsgründen eingesperrt

Trotz aller kritischen Fragen einzelner Arbeiter und Einwohner – mutige Freiheitsboten gab es in Bridai nicht. Das geben alle interviewten Zeitzeugen des Gorbatschow-Besuchs zu. Auf den Straßen des Dorfes hatten sich damals große Menschenmengen versammelt, unter ihnen nicht nur einheimische Dorfbewohner, sondern auch viele, die von irgendwo anders gekommen waren.

Auf Archivfotos sind Menschen mit Plakaten abgebildet, Lass uns unseren Weg gehen steht darauf. Doch unsere Gesprächspartner erkennen die Demonstranten nicht – vielleicht sind sie aus der nahegelegenen Stadt Šiauliai oder sonst woher nach Bridai gekommen. Man erzählt sich, dass Gorbatschow sehr kühl reagiert hätte: Als er die Menschen mit den Protest-Plakaten sah, habe er nur gesagt: „Ich habe Sie bereits gesehen, deswegen werde ich mich nicht mit Ihnen unterhalten. Ich bin gekommen, um die Kolchose zu sehen.“ Und ging weiter.

Lina Sabutienė und Rasa Šiškuvienė haben von all den Protesten ohnehin nichts gesehen, keine Rufe oder Reden gehört – denn ihre Bewegungsfreiheit wurde beschränkt. Der Sicherheitsdienst hatte der Familie von Jonas Klusas verboten, ihr Haus zu verlassen. Und Šiškuvienė musste im Kindergarten übernachten: „Ich durfte zwei Tage lang nicht raus, sogar meine Mutter durfte ich nicht anrufen. Ich war im Raum eingeschlossen, das Essen wurde mir regelmäßig gebracht. Vielleicht haben sie gedacht, dass ich irgendwelche Proklamationen verteilen könnte.“

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Alte Gemäuer: der ehemalige Kindergarten von Bridai (Foto: T. Vinicko/„Delfi“)

Im Kindergarten selbst hatten die Sicherheitsleute alles unter Kontrolle: Sie prüften die Wände mit Detektoren, durchsuchten die Blumensträuße, die die Kinder den Gästen schenken sollten, und schlossen eine Abhöranlage an das Telefon an. Zwei-Meter-Männer mit Pistolen ließen Šiškuvienė, die damalige Leiterin des Kindergartens, nicht aus den Augen. „Wie kann man denn in so einer Situation arbeiten, sich konzentrieren?“ Dennoch sei sie damals nicht wütend geworden. Es habe sich einfach seltsam angefühlt. Und rückblickend sei es ohnehin eindrucksvoll gewesen.

„Es ist nur schade, dass ich nicht alles gesehen habe. Ich musste die ganze Zeit drinnen bleiben und wurde wie eine Behinderte überall hin begleitet“, sagt sie als wir gemeinsam durch das Dorf spazieren. Šiškuvienė ist heute Ortsvorsteherin in Bridai und kennt die Geschichten von damals genau. Sicherheitsleute hätten sich in jede Ecke gestellt, erzählt sie, „selbst dort im Wasserturm“. Eine besondere Anordnung, wie man sich während des Gorbatschow-Besuchs benehmen sollte, wer anwesend sein dürfe, und wer nicht – das habe es jedoch nicht gegeben, versichert der ehemalige Kolchose-Chef Aloyzas Jocas. Alles andere jedoch wurde in Bridai gesteuert, seit es den Ort gibt.


Veröffentlicht am 10. März 2013 im litauischen Onlinemagazin „Delfi“ – anlässlich des Unabhängigkeitstags Litauens am 11. März


Teil 2: Was Gorbatschow im sowjetischen Musterdorf Litauens suchte
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