Düsseldorf

Düsseldorf, 12.11.2012: Eine Ungarin im Karneval

 © Andrea Lukács
Hoch die Tassen: dichtes Gedränge am unteren Rand des Heumarkts in Köln um 11.11 Uhr (Foto: Andrea Lukács)

Köln oder Düsseldorf? Wo wird besser Karneval gefeiert? Unsere ungarische Autorin fällt ein eindeutiges Urteil. Sie berichtet davon, wie sie dem „Bützen“ entkam und von Tom Cruise in intime Geheimnisse eingeweiht wurde.

Wenn an einem Sonntag der Wecker um 7 Uhr früh klingelt, muss es einen triftigen Grund haben, ihn nicht einfach zu ignorieren. Eine wichtige Reise, zum Beispiel, oder ein Geschäftstermin, der nicht verlegt werden kann. Oder es ist eben der 11. 11.. Viermal die Eins bedeuten in Düsseldorf Helau und in Köln Alaaf. Fiele die Sessions-Eröffnung nicht auf das Wochenende, würde es die Karnevalisten auch nicht stören – der Business Dress Code heißt dann „Narren casual“. Und an der Spitze der To-do-Liste: So oft wie möglich anstoßen. Die magische Doppeleins wird zur Rechtfertigung, am helllichten Tag so zu feiern, als wäre es die Silvesternacht. Man könnte ja – wenn es nur um die Nummern ginge – auch abends um elf nach elf anfangen. Aber darum geht es nicht. Worum dann? Ich als Ungarin habe versucht, es herauszufinden.

Die deutschen Kollegen, von denen einige aktive Karnevalisten, andere Gegner des Novemberbrauchtums sind, haben mich vorgewarnt: Ohne Kostüm und ohne Bier in der Hand kann es unangenehm werden, in der Menge mitzumischen. Es sei denn, man mag es, von den Narren „gebützt“ zu werden.

„Bützen“? Was für ein Ausdruck! Es klingt nicht, als sei es küssen. Im Süden Ungarns, an der serbischen Grenze, gibt es im Februar ein Volksfest, wo auch Frauen von Wildfremden geküsst werden. Dort jagen die sogenannten Busó´s den Mädchen und Frauen Angst ein. Ich habe es in meiner Kindheit öfter erlebt und fand das Fest sehr unangenehm. Darum entschiede ich mich für eine dezente Karnevalsgarderobe: meine kürbisfarbene Lederjacke und einen Piccolo Henkel Trocken. Die halbherzige Lösung hat sich vorerst gelohnt: Die Farbe Kürbis hat sich im schrillen Gemenge bewährt, und der Sekt als gute Wahl erwiesen. In meinem überfüllten Zug leerte eine Gruppe von Mädchen eine Flasche Hugo, einen Sekt-Holunderblüten-Mix, und einen Berentzen Saurer Apfel. Kein Kölsch also, wie ich erwartet hatte.

 © Andrea Lukács
Sammelpunkt der Kölner Jecken: Hauptbahnhof (Foto: Andrea Lukács)

Apropos Zug: Ich habe mich entschieden, den Karnevalsauftakt in Köln zu feiern. Die Fahrt um 9.40 Uhr ist allerdings eine wagemutige Wahl: Der Bahnsteig füllt sich mit Massen von Maskierten. Der Regionalzug aus Paderborn ist schon bei der Ankunft voll, ich dränge mich zwischen eine Gruppe von falschen Muskelprotzen – eine sechsköpfige Mannschaft mit Six Packs aus Schwämmen. Nur sehr wenige Menschen sind ohne Kostüme unterwegs. Und so eng es auch ist, Platz zum Ausschenken von Alkohol gibt es für die Jecken immer. Aus einer Ecke ruft jemand: „Düsseldorfer raus!" Schmunzeln in den Reihen. Von den Feindseligkeiten zwischen Düsseldorf und Köln, von Helau gegen Alaaf, habe ich mittlerweile schon viel gehört. Nun bekomme ich es im Karnevalstrubel live mit.

„Weg von den Türen, es passt niemand mehr rein, nehmen Sie bitte den nächsten Zug nach Köln!“, bullert eine Durchsage aus dem Lautsprecher – obwohl die Endstation Aachen ist. Doch dass an diesem Morgen jemand nach Aachen möchte, schließt der ungeduldige Schaffner wohl aus. Nach 30 Minuten feuchtfröhlicher Fahrt erreicht die Bahn tatsächlich den Kölner Hauptbahnhof.

Schlückchenweise an der Karnevalsstimmung arbeiten

Die Jeckenwelle ergießt sich über den Bahnsteig und wiegt Richtung Ausgang. Ich habe mir vorgenommen, mich vom Strom mitreißen zu lassen. Die Treppe, die zum Kölner Dom führt, avanciert zu einer Sammelstelle, einem Jecken-Treffpunkt. Es ist 20 vor 11, nur noch 31 Minuten bis zum Jecken-Startschuss. Ich folge den Massen in Richtung Heumarkt. Zumindest hoffe ich es, da ich mich in der Domstadt nicht auskenne.

An der Grenze zur Altstadt staut sich das Getümmel, aber nur kurz: Helfer teilen Plastikbecher aus, ich gieße meinen Piccolo ein. Obwohl er auf der Fahrt lauwarm geworden ist und aus dem Plastikbecher auch nicht wirklich appetitlich schmeckt, fange ich an, schlückchenweise an meiner Karnevalstimmung zu arbeiten. Kein leichtes Unterfangen: So wirklich ist mir nicht danach, mich am Vormittag zu betrinken. Dieses Problem scheint allerdings niemand sonst um mich herum zu haben.

Der Heumarkt ist schon längst überfüllt. Viele Karnevalisten bleiben rein räumlich gesehen Außenseiter: Der Bereich vor der Bühne ist längst abgesperrt. Um Punkt 11.11 Uhr gibt es keine Zweiklassen-Gesellschaft unter den Jecken. Alle Narren sind gleich und brüllen mit erhobenen Händen: „Kölle Alaaf! Alaaf! Kölle Alaaf!“

In Ungarn feiern wir nicht einmal das Neujahr so enthusiastisch, selbst zur Jahrtausendwende nicht. Hier wird Karneval zur fünften Jahreszeit, mit der sich zwar das Wetter nicht ändert, aber das Gemüt der Menschen. Der Tanz geht los, das Brüllen hält an. Ich muss mir eine Beschäftigung suchen, um Spaß zu haben. Ich entscheide mich, als einköpfige Jury über Trachten und Kostüme zu urteilen.

 © Andrea Lukács
Diese drei Jecken mimen das Phantom der Oper mit Maske, Rose und - nicht ganz so stilecht - Bierdose (Foto: Andrea Lukács)

Wenn die Verkleidung den Wunsch nach einer geheimen Identität einer Person zum Vorschein bringen soll, wollen die meisten Männer in Deutschland offenbar Tom Cruise in seiner Rolle im Film Top Gun sein. Und die Frauen? Biene Maja. Eine Vielfalt an Kostümideen kann ich nicht entdecken: Die Maskenherstellung konzentriert sich dieses Jahr – wie es scheint – auf Bananen, Polizisten, Hippies und natürlich auf Clowns. Die Jecken sind ja Narren.

Ich habe es mittlerweile auf die wenigen Originellen abgesehen. Eine Frauengruppe zum Beispiel, die ihre Kostüme aus Ritter-Sport und Milka geschneidert hat, ökologisch sehenswert. So wirklich bewandert im „jecken“ Brauchtum sind aber auch diese Damen nicht. Auf meine Testfrage, was eigentlich Kölle Alaaf bedeute, kommt die Antwort: "Keine Ahnung.“

Ein Frankfurter Flamingo umarmt - er „bützt“ nicht

Die gleiche Frage stelle ich den zigsten Top-Gun-Machos, die die Antwort auch nicht wissen. Dafür hat einer von ihnen die Erklärung für den beliebten Khaki-Overall parat: „Ich mag Tom Cruise, aber nicht, weil ich schwul bin.“

Die kleinen, gepflasterten Gassen der Altstadt werden begossen, mit Kölsch statt Eau de Cologne, wie man es zu Ostern in Ungarn macht. Am Ostermontag lauern Jungen und Männer damit den Mädchen und Frauen auf, damit sie nicht verwelken.

Meinen Platz zwei erhalten beim Kostümwettbewerb, nach den Schokoladen-Frauen, drei Jungs aus Dortmund, die eine einfache weiße Masken tragen und eine rote Rose in der Hand halten - wie das Phantom der Oper. Im Gespräch wird mir erklärt: Es sei eine billige, aber doch stilvolle Lösung gewesen für die „beste Party im ganzen Land“.

Bevor ich mich auf den Weg nach Düsseldorf mache, um die Differenzen der beiden Karnevalhochburgen unter die Lupe zu nehmen, laufe ich wieder am Dom vorbei und bleibe kurz stehen. Der Platz zeigt ein verwüstetes Bild am frühen Nachmittag. Ich frage mich, ob die Kirchengemeinde den Narrentag akzeptiert. Oder bleibt die Kirche geschlossen? Nein, sie ist offen, und eine Messe wird auch gehalten, es ist ja Sonntag. Wer sich ein bisschen Ruhe und Stille wünscht, der kehre hier ein. Sogar einige Jecken befinden sich unter den Besuchern; sie verhalten sich nicht anders als andere gottesfürchtige Besucher, sie sehen nur anders aus.

Im Hauptbahnhof werde ich mit dem Kontrast der Karnevalszeit konfrontiert. Elefanten und Huren stehen am Geldautomat, eine Frau in Anzug und schicken Rollkoffern trägt einen Clown-Hut, ihre Nase ist rot angemalt. Der Zug zurück nach Düsseldorf ist halb leer, niemand ist verkleidet, als wären die letzten drei Stunden unter Narren nur ein Traum gewesen. Aber offenbar will einfach niemand so früh zurück wie ich.

 © Andrea Lukács
Flamingos im Winter auf dem Düsseldorfer Rathausplatz (Foto: Andrea Lukács)
Düsseldorf versucht es Köln gleichzutun. Die Bolkerstraße, der Markt und der Burgplatz schaffen das allerdings nur halbwegs. Es sind viel weniger Karnevalisten unterwegs, dafür viele Touristen und unverkleidete Menschen, die der frohen Gesellschaft beiwohnten oder auch nicht. Viele laufen vorbei. An einer Stelle wird immerhin brasilianische Karnevalsatmosphäre geweckt: Eine Brasilianerin in Bikini tanzt wild zum Getrommel der Deutschen. Nackte Haut kommt gut an am 11. November, wo sich sonst alle schon in Wintermäntel hüllen. Sie ist mein Platz drei des Kostüm-Wettbewerbs.

Auf dem Marktplatz ist eine Open-Air Bühne aufgebaut, auf dem Rathausplatz ein Zelt für eine geschlossene Gesellschaft. Am Ufer aber keine Spur von Narren, die Restaurants am Rhein sind dennoch voll: Die Düsseldorfer genießen das schöne Wetter, spazieren am Fluss entlang, ohne auch nur einmal Helau zu rufen.

„Gebützt“ wurde ich auch nicht. Als ich am Marktplatz ein Dutzend Flamingos fotografieren will, umarmt mich einer von ihnen. „War das jetzt bützen?“, frage ich. „Wie bitte?“, wundert sich der feuchtfröhliche Flamingo. „Bützen", erwidere ich, „wissen Sie denn nicht, was bützen bedeutet? Und Helau?“ „Nein, wir kommen aus Frankfurt und wollen nur unseren Spaß haben.“

Helau vs. Alaaf
Der Ruf Helau gilt nicht nur in Düsseldorf, in vielen Karnevalhochburgen wird er gebraucht und ist der bekannteste unter den Narrenrufen. Die Entstehung des Lobes ist unklar, es kann ein Hirtenruf gewesen sein, oder es stammt von Halleluja ab, eine Quelle greift aber auf eine Herkunftsgeschichte vom 13. Jahrhundert zurück, als ein Mainzer Kaufmann sich gegen das Stapelrecht in Köln wehrte, und nicht bereit war, ihre Waren zu einem Vorzugspreis den Kölnern anzubieten. Er rief angeblich „Ich vil he lau fahrn“; auf Hochdeutsch: „Ich will hier ohne weiteres durchfahren“, die Kölner erwiderten darauf „Al aaflade, ihr sollt all aaflade“. Zu Deutsch: „Alles abladen!“. Diese Geschichte würde auch erklären, weshalb sich Helau mit Alaaf nie versöhnen kann.
Von Andrea Lukács
Veröffentlicht am 12. November 2012 bei „Handelsblatt Online“
Links zum Thema