Tamale

Tamale, 28.11.09: Der Abschied schmerzt

 © © Julia LittmannJulia Littmann nimmt Abschied von Ghana.

Mein Herz wird jeden Tag schwerer. Tatsächlich fühlt es sich am Tag vor der Abreise längst so schwer an wie eine dieser riesigen Wassermelonen, die zu beeindruckenden, kugeligen, hellgrünen Pyramiden neben dem Radweg aufgetürmt sind. Ein Monat Tamale für Anfänger war wie ein Reset für mich: zurück auf „Start“, noch mal ganz von vorn anfangen, alles herausfinden müssen, alles infrage stellen, möglichst alles genau angucken, abradeln, anfassen, ausprobieren. Und möglichst alles mit den Menschen bereden, die mir hier so glücklich „zugefallen“ sind – Fragen und Debatten sind uferlos, manches macht sprachlos, das meiste Erfragen, Erklären, Erstreiten aber führt zumindest im Alltag zum langhingezogenen „Ähaa!“, das die Musik für ein erkennendes Verstehen ist.

Dass Tamale, wie hingegossen in die Savanne, für dieses Unterfangen möglichst unbefangener Erkundung einer anderen (lokalen)Welt die allerbeste Versuchsanordnung geliefert hat, ist vermutlich auch für das Publikum deutlich geworden, das dieses Unterfangen begleitet hat. Die Hauptstadt der Northern Region ist eine großzügige Stadt, die so unbeeindruckt scheint von den höher-weiterschneller- Erfordernissen moderner Stadtentwicklung, dass in all der Selbstverständlichkeit manches eben doch fast an die Schmerzgrenze reicht. Und sie leistet sich unbekümmert, eine Stadt zu sein, deren größte touristische Attraktion ein vier Busstunden entfernt liegender Nationalpark ist. Was als lokale Attraktion durchgehen könnte, wäre natürlich die Central Mosque. Die Moschee allerdings ist so schlicht und zweckmäßig, dass sie locker mit dem Freiburger Hauptbahnhof mithalten könnte. Dabei eilt ihr, weit über jede Zweckmäßigkeit hinaus, immerhin der Ruf voraus, Ghana größte Moschee zu sein. Tamale zeigt sich als eine Stadt, die in ihrem völlig eigenen Groove mit sich so sehr im Einklang scheint – und doch über die Jahre auch etliche Missklänge zu verkraften hat. Die zu durchschauen, wäre in der Routine der Redaktion einer Tageszeitung kaum möglich gewesen, denn das je Aktuelle hatte Vorrang, die „Forschung“ musste zurückstecken. Und so ist denn eine der komplexesten Fragen, die im Rückreisegepäck Platz finden müssen, die Frage nach Verbindungslinien und Unvereinbarkeiten zwischen den traditionellen Organisationsformen von „Chieftancy“ und „Earthhealers“ und von heutigen staatlichen Organisationsformen – wie der jeweiligen Regionalregierung. Die Konflikte, die vor allem in den ländlicheren Regionen von großer Bedeutung sind und auch im vielfach für seine demokratischen Potenziale gepriesenen Ghana bis heute immer wieder für unbegreifbares Blutvergießen sorgen, haben ihren Ursprung offenbar allermeistens in Fragen des Landbesitzes. Und genau hier zeigen sich Schnittmengen und Widersprüche zwischen den unterschiedlichen wirkungsmächtigen Organisationsebenen als kaum lösbares Problem.

Was ich noch in mein Reisegepäck packe, wenn ich aus Tamale wegfahre, fragt ein Interviewpartner nach unserem Gespräch. Die Töne, fange ich an aufzuzählen, Grillen, Flughunde, vorsintflutliches Dieselmotorengetacker, Fußballtröten, Autohupen, Mopedgesurr, coole Musik, oops, ja, auch Trommeln, laute Palaver in Dagbani, und ein Englisch, das kaum wiederzuerkennen – und nach ein, zwei Tagen schon selbstverständlich ist, Töne eben. Und Bilder, Bilder, Bilder in fassungsloser Buntheit, auch von etlicher Rätselhaftigkeit, neuerdings dank Harmattan eingefärbt mit monochromem Wüstensand. Begegnungen von solcher Wucht und Wärme, dass im Angesicht der Abreise der Herzschmerz- Wassermeloneneffekt unausweichlich ist. Na, und dann muss, wie gesagt, auch noch Platz sein für die vielen ungelösten oder gar unbeantwortbaren Fragen. Und für die Gewissheit, dass ich nicht mal einen winzigen Bruchteil von Tamale verstanden habe, bei aller Liebe nicht. Und vermutlich wird sie mir das gar nicht nachtragen die Schöne, weit Hingegossene, sondern wird auch das gelassen hinnehmen.

Julia Littmann
veröffentlicht am 28. November 2009 in der Badischen Zeitung.