Tamale, 5.12.09: Wunschkleid unterm Wellblechdach

„Sister Kate’s Designer Shop“ steht auf dem Schild über dem himmelblauen Container, der ihre kaum 10 Quadratmeter große Nähstube beherbergt. Nach den gängigen Schnittmustern stellt Kate so ziemlich alles her vom simplen Rock bis hin zum aufwändigen Ausgehkleid inklusive Schärpe und turbanähnlichem Kopfschmuck.
Auf drei Lehrberufe verteilt sich der Großteil arbeitender Frauen: Friseurinnen, Sekretärinnen und Näherinnen. Längst nicht alle haben die jeweilige aufwändige Ausbildung durchlaufen. Wohl aber Kate Abaam, die zwar nur sechs Jahre zur Primaryschool gehen konnte, vor etwa 15 Jahren in Yendi aber drei Jahre lang zur seamstress ausgebildet wurde. Darauf legt sie Wert. Denn es auch diese Ausbildung, der sie ihre Selbständigkeit verdankt.
Mit ruhiger Hand und blauer Kreide zeichnet Kate Abaam die Umrisse für ein Vorderteil auf den rot-olivefarbenen Batikstoff auf dem Zuschneidetisch. Die einjährige Tochter Bernice trägt derweil zwischen Tischbein und herunterbaumelnder Bügeleisenschnur ihre Fundstücke hin und her, Plastikbecher, Zentimetermaß, Stoffrestchen. Ihre dreijährige Schwester Genoveve ist währenddessen in der Schule – die Nachmittage verbringen häufig beide Töchter im „Designer Shop“.
Jeden Morgen um neun kommt Kate Abaam mit dem Motorrad aus dem nahe gelegenen Stadtteil Gumani angefahren, Tochter Bernice im Tuch auf dem Rücken – und für gewöhnlich mindestens eine Handvoll Aufträge vor sich. Bis sie abends zwischen fünf und sechs den Container hinter sich abschließt, sind aus sieben, acht und mehr buntgemusterten Stoffen hübsche Gewänder geworden, die nicht nur den gängigen Styles entsprechen, sondern oft auch Kates ganz persönliche Handschrift tragen.
Steile Falte auf der Stirn, das rosa Maßband lässig um den Hals gelegt, fährt sei einmal kurz mit dem Bügeleisen über das rot-olive-farben gebatikte Vorderteil. „Die Kundin hat ein ähnliches Kleid an einer anderen Frau gesehen und hat es mir beschrieben“, erzählt sie. Also hat Kate eine Skizze gemacht und muss nun ausprobieren, wie sie dem ersehnten Stück möglichst nahe kommt.
Maßgeschneidert – und in diesem Fall tatsächlich ein Eigendesign. Richtig reich werden kann man von dieser Arbeit nicht, sagt sie, aber im Zweifelsfall würden die mageren Einkünfte reichen, um für das eigene Auskommen und das der Kinder zu sorgen, das gibt ihr ein Gefühl der Sicherheit. An dem Rock, der quasi nebenher aber doch mit einigem Zeitaufwand ausgemessen, zugeschnitten und genäht wird, verdient Kate Abaam ungefähr vier oder fünf Cedis. Eine Extraanfertigung wie das Wunschkleid bringt zwar mehr, nimmt aber auch etliches mehr an Zeit in Anspruch. Und apropos Zeit – wenn zu peakzeiten mehr als sonst zu tun ist, gehen ihr ein oder zwei Kolleginnen zur Hand. Unter dem heißen Wellblechdach rattern dann zwei Nähmaschinen – Kate’s kostbarster Besitz. Ihre schmiedeiserne alte chinesische Butterfly keucht verdächtig an diesem Morgen, den Faden verspult’s und am Ende muss sie die halbe Naht wieder auftrennen. Dass die keuchende Butterfly an diesem Abend liebevoll eine Extraportion Öl verpasst kriegen wird, versteht sich von selbst.
In der größten Mittagshitze unterbricht die kleine Bernice ihr Gewerkel für einen Mittagsschlaf auf einem Tuch auf dem Boden, Kate nickt kurz über der Nähmaschine ein. Und breitet bald darauf wieder das Rot-olivfarbene vor sich aus, misst nach, fältelt nach, und näht zügig weiter, bis am Ende ein elegantes Etuikleid zu den abholbereiten Gewändern gehängt werden kann, das Kate Abaam zufrieden – und die Kundin ganz offensichtlich glücklich macht. Träume? Perspektiven? Die Näherin schaut erstaunt: Wie es ist, ist es gut, findet die junge Frau. Und das nimmt man ihr sofort ab.
veröffentlicht am 5. Dezember 2009 im Daily Graphic.