Tamale

Tamale, 19.11.09: Ein Porträt der Heilerin Hajia Tamako

 © Hajia Tamako © Foto: Julia LittmannDonnerstagmorgens um neun Uhr unter einem Mangobaum in dem ländlichen Compound im Norden von Tamale: Dr. Hajia Salamatu Ibrahim Taimaku hat schon vor dem unerbittlich frühen Pressetermin einem ausgiebigen Familientreffen präsidiert, die alte Dame ist etwas erschöpft, aber ebenso präsent wie herzlich.

Salamatu Taimaku ist durchaus eine Berühmtheit in Ghanas Norden. Und tatsächlich hat es die vielfach ausgezeichnete, kräuterkundige Heilerin auch in Deutschland zu ein wenig Ruhm gebracht. Vor genau einem Jahr führte eine Reise die alte Dame und ihre jüngste Tochter und Managerin, Faiza Ibrahim Taimaku, in den Süden Deutschlands. Die Verbindungslinie nach Deutschland jedoch ist älter - seit vielen Jahren findet in Taimakus beachtlichem Familienunternehmen in Sachen Kräuter und Heilen etliche Entwicklung und Forschungsarbeit in Kooperation mit deutschen Freunden, zum Beispiel auch mit der gtz (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) statt.

Als Salamatu Taimaku vor ungefähr 79 Jahren in Tamale geboren wurde, hatte sich dieser enorme Erfolg noch nicht absehen lassen. Ihre Mutter war als „pardorsa horda“, also als Geburtshelferin, zwar kräuterkundig, Heilen jedoch in der umfassenden Tradition über die Nöte gebärender Frauen hinaus, war typischerweise Männersache. Auch als Töpferin und Bäckerin arbeitete die Mutter von morgens bis nachts, - der Vater war Metzger -, früh schon musste ihr auch Salamatu, die Mittlere ihrer 13 Kinder, zur Hand gehen. An Schule war nicht zu denken.

Mit acht, neun Jahren lernte das Mädchen von der Mutter, welche Kräuter für welche Beschwerden Linderung bringen – und wo sie zu finden sind. Warum wurden nicht alle Geschwister mit diesem wertvollen Wissen instruiert? „Meine Mutter beobachtete sorgfältig, bei wem von uns das Interesse und die Begabung für diese Aufgabe am stärksten ausgeprägt war – und das war offensichtlich bei mir der Fall.“

Sorgfältiges Beobachten ist auch eine der ganz großen Stärken von Salamatu Taimaku, erzählt Faiza Ibrahim Taimaku, die jüngste der sechs Töchter und drei Söhne, die Salamatu zur Welt gebracht hat. Rings um den großen Mangobaum im Hof ihres Anwesens stehen die Ställe für die Hühner und für die Perlhühner. „Meine Mutter beobachtet oft stundenlang, wie sich die Tiere auf dem Hof verhalten – sie sieht genau, wenn ihnen was fehlt und schaut, welche Kräuter sie dann fressen.“ Bis heute lernt sie dabei offensichtlich immer wieder Neues. „Manchmal kommt sie mit irgendwelchen Kräutern an und sagt, kocht das, wir essen das heute abend – und wir wissen wirklich nicht, was das genau ist“, erzählt Faiza Taimaku lachend. Salamatu Taimaku heiratete als sie ungefähr 25 war. Ihr Mann kümmerte sich um Waisenkinder – sein Vater war, wie auch Salamatu Taimakus Großvater, Heiler – da kam etliches Wissen zusammen. Und auch die Bereitschaft, die wissbegierige junge Frau daran teilhaben zu lassen. Die zog zunächst mit ihrem Mann in die Gegend von Kumasi. Ein ganz neuer Aspekt kam da zu dem, was sie an Heilkunst beherrschte, aber nur mehr oder weniger „unter der Hand“ praktizieren konnte: In der Ashantiregion wurde für Medizin mit Geld gezahlt – anders als im Norden. Sie fertigte also die Medizin aus Kräutern an – und hatte das Glück, dass ihr Mann sie unterstützte und zum Beispiel die Medizin verkaufte, was ihr selber nicht zugestanden hätte.

Etwa 1967 kam die Familie nach Tamale zurück – hauptsächlich, weil Salamatu Taimaku wollte, dass ihre Kinder in der Nähe der Großmutter aufwuchsen. Zehn Jahre nach der Rückkehr in die Heimat starb ihr Mann – und Salamatu Taimaku verstärkte ihren Einsatz für das Heilen und für die Kräuterkunde, und aus dem tüchtigen Ein-Frau-Betrieb wurde im Laufe der Jahre ein regelrechtes Familienunternehmen, in dem heute auch ihre Kinder auf die je eigene Art involviert sind. Ein Einsatzgebiet ist der Anbau von Heilpflanzen. Deren selbstverständliches Vorhandensein nämlich lässt seit Jahren so rapide nach, dass Heiler mittlerweile entweder weite Wege fürs Kräutersammeln in Kauf nehmen müssen – oder ihr individuelles Set Kräuter selbst anbauen müssen. Ein Heiler ohne Pflanzenbau, sagt Salamatu Taimaku, das würde gar nicht funktionieren. Sie selbst pflanzte vor allem Bäume – schließlich in so großem Stile, dass sie über ein Rural Forestry Programm mit einer Lehr- und Versuchsfarm aktiv wurde, die bis heute expandiert und prosperiert. Inzwischen verkauft das Familienunternehmen nicht nur Medizin mit großem Erfolg - „good medicin sells itself“, sagt die alte Dame selbstbewusst – sondern zum Beispiel auch Trockenfrüchte. Für die kommen dieselben Trocknungsanlagen zum Einsatz wie für die Kräuter – Stellagen, auf denen die Sonne ihr Werk tut, oder solarbetriebene Anlagen, in denen der Sonne quasi noch nachgeholfen wird.

Unter den uferlos vielen Pflanzen mit Heilwirkung ist es denn auch ein Baum, der Salamatu Taimakus „Lieblingspflanze“ ist: der Maringabaum. „Er stärkt das Immunsystem“, erklärt sie, „er purifies Wasser – und wird vollkommen zu Recht mothers best friend genannt.“ Auch während der Trockenzeit hat der Maringa noch grüne Blätter, lobt sie ihren Lieblingsbaum – und die werden als gesundes Gemüse gegessen. Von der Wurzel bis zur Krone wird alles am Maringa genutzt, Blätter, Samen, Blüten: „Dieser Baum ist ein wahrer Wohltäter!“ Salamatu Taimakus Kräuterkenntnis und Heilwissen wurden von den Schulmedizinern lange eher herablassend betrachtet. „Heilen war irgendwie out“, erinnert sich Faiza Taimaku, die diejenige von Salamatu Taimakus Kindern ist, die in ihre Fußstapfen tritt. Die vernachlässigten und nach und nach ausgerotteten Heilpflanzen und die Ausbreitung der Schulmedizin brachten das Heilerwissen in eine Krise.

Inzwischen haben sich die Dinge aber weiterentwickelt: Längst haben die traditionellen Healer eine Association gegründet, der selbstverständlich auch Salamatu Taimaku angehört. Die arbeitet seit Jahren eng und vertrauensvoll mit einigen Ärzten zusammen – ganz ohne Berührungsängste auf beiden Seiten, wie sie betont. Eigentlich kein Wunder, denn über die Jahre fand ihre profunde Arbeit weit über ihre Patienten hinaus Anerkennung: Gesundheitsminister und Landwirtschaftsminister ehrten sie mit Auszeichnungen und die hiesige Universität verlieh ihr vor fünf Jahren den Ehrendoktortitel. In der Urkunde wird sie als „eminent indigenious knowledge practitioner“ gelobt, als environmentalist und illoustrious entrepreneur“. Damit ist sie, Freundin der armen und marginalisierten Landbevölkerung“, so heißt es da weiter, zum „role model“ geworden. „Große Worte“, sagt Salamatu Taimaku, die ihr Leben kurz und bündig so zusammenfasst: „Heilerin zu sein“, erklärt die großartige alte Frau mit einem warmherzigen Lächeln, „das ist eine Berufung – und eine unglaubliche Befriedigung.“

Julia Littmann
veröffentlicht am 19. November 2009 im Daily Graphic.