Tamale, 7.11.09: Milan, Madrid und Manchester
Wer neu an einem Ort ankommt, versucht nicht nur, sich zurechtzufinden, sondern er vergleicht. Beziehungsweise sie vergleicht. Und stellt fest: Indem sich alles Wesentliche entlang der kilometerlangen Bolgatanga Road abspielt - oder zumindest in ihrer Nähe -, ist die Orientierung in dieser extrem weit ausgedehnten Stadt einigermaßen schnell hergestellt. Womit es noch hapert, ist das Gefühl für Entfernung - die Wege sind grundsätzlich ewig weit, zumal, wenn die Temperaturen schon am Vormittag auf 35 Grad ansteigen.
Womit wir schon bei den Vergleichen wären. Während in Freiburg der Winter in den Startlöchern steht, ist hier für unser Gefühl Hochsommer. Tatsächlich erwartet man im Moment im Norden Ghanas den Harmatan, die Jahreszeit nämlich, die die kühlste und trockenste im Jahr ist - wobei "kühl" durchaus noch den sommerlichen Temperaturen in Freiburg entspricht. "Unser Winter ist der Harmatan", sagen die Kollegen, "den sehnen wir jedes Jahr herbei" – und wischen sich den Schweiß von der Stirn:
Vergleich Nummer zwei weist ebenfalls Ähnlichkeiten mit Freiburger Lebensgefühl auf: Hitzig nämlich wird auch hier über Fußball debattiert. Und das Champions-League-Spiel AC Mailand gegen Real Madrid am Dienstag war ein echter Blockbuster: Nicht, dass die Straßen von Tamale leergefegt gewesen wären - im Gegenteil: sie waren randvoll, denn rings um die kleinen Läden, Tresen in Wellblechverschlägen, in Kneipen und vor Werkstätten scharten sich Zuschauer um die Fernsehgeräte. Diese Fernseher tun sich entweder dadurch hervor, dass sie extrem luxuriös aussehen – oder aberwitzig klapprig. Egal: Das Spiel brachte Milan-Fans und Madrid-Fans nicht weiter in Rage. Elfer und Gegentreffer sorgten für ein 1:1, das hier mit Zufriedenheit quittiert wurde.
Anders die bevorstehende Liga-Partie Manchester gegen Chelsea. Zumindest in der Redaktion des Daily Graphic ist die Lage klar. Ein Unentschieden wäre das Letzte, was Nurredin Salilu, Francis Npong und Zakaria Alhassan sich wünschen würden: Ein Sieg für Chelsea muss her - schließlich muss Chelsea die Führung in der Tabelle nicht nur behaupten, sondern mit einem Sieg ausbauen. Um den herbeizukämpfen, gehen die Drei - wie viele ihrer Freunde – zum Public Viewing ins benachbarte Hotel Alhassan.
Für 1 Cedi (ungefähr 50 Cent) Eintritt - bei weniger spektakulären Paarungen auch mal nur für die Hälfte, nämlich für 50 Pesewas - werden dort die großen, zumeist die europäischen Spiele gezeigt. "Bis vor ein paar Jahren waren das häufig die deutschen Ligaspiele", erklärt Zakaria Alhassan, "aber inzwischen sind es vor allem die englischen Mannschaften, die hier viele Fans finden!" Ein guter Kick jedoch ist nicht unbedingt der, bei dem die Lieblingsmannschaft spielt - und tunlichst gewinnt. Zakaria Alhassan lobt denn auch die Weitherzigkeit der hiesigen Fußballzuschauer: "Hauptsache, wir bekommen ein spannendes Spiel zu sehen und haben unseren Spaß - dann sind wir auf jeden Fall zufrieden!"
Ich setze für Sonntag natürlich auf "ManU" - schon allein um zu sehen, wie weitherzig meine Kollegen dann tatsächlich am Abend noch sind. Aber vielleicht tut Chelsea den Fans in Tamale ja doch den Gefallen, Manchester weiter abzuhängen. Dann muss ich Gelassenheit ausspielen. Und tatsächlich ist die so sehr Bestandteil hiesigen Soziallebens, dass sie mehr als nur nahe liegend ist.
veröffentlicht am 7. November 2009 in der Badischen Zeitung.