Tamale

Tamale, 4.11.09: Von Minaretten und Mobilfunkmasten

Dienstag, 3. November. Erster Arbeitstag in der Redaktion des Daily Graphic - quasi im "Bankenzentrum" von Tamale, der Hauptstadt der Northern Region von Ghana. Korrespondent Zakaria Alhassan residiert mit seinen Mitarbeitern und mit der Geschäftsstelle des Daily Graphic im dritten Stock der Ghana Commercial Bank - einem der wenigen mehrgeschossigen Häuser in der ausgedehnten Innenstadt.

Das Panorama aus Lamellenfenstern nach allen Seiten, der Blick aufs Morgentreiben auf dem Markt, auf hupende Autos und quäkende Mopeds, die mit etlichem Tempo elegant die Straße entlangdrängeln, dazwischen, daneben, davor, dahinter Menschen, gewandet in mehr Farben als wir bislang in unserem Spektrum wähnten: wie ein fremd vertrauter Film.

Beherrschender Straßenschmuck mitten auf dem rotstaubigen Mittelstreifen der kilometerlangen Bolgatanga Road, einer Hauptverkehrsader quer durch Tamale: die roten Vodafone-Werbebanner. Und in der brettflachen Stadt ragt allenthalben zweierlei auf: Minarette und Mobilfunkmasten. Beides geht ein bisschen unter in dem wunderbaren Gewimmel. So viel ist los zwischen all den kleinen Verkaufsständen, Wellblechhütten, Lehmhäuschen, ein unablässiges Hin und Her von jungen Frauen mit Kindern, eng auf dem Rücken getragen, Männern mit Fahrrädern, auf denen ganze Eimerlager aufgetürmt sind – oder Stoffberge, unter denen der Drahtesel ächzt. Völlig ungerührt von ihrer Last schreiten hingegen die Frauen aus, die oft nicht nur ihre Babies mit sich tragen, sondern - beispielsweise - gleich ganze Obstladen-Auslagen - auf riesigen Tellern. Auf dem Kopf.

Und über das kehlige Gekrächz merkwürdiger Vögel, das Geplärre von wackligen Ghettoblastern, über Stimmengewirr und Motorengeknatter legt sich fünfmal am Tag die Stimme des Muezzin, der hier "Lanzan" genannt wird und der zum Gebet ruft. Tamale ist eine weitgehend muslimische Stadt, etwa 85 Prozent der Bevölkerung sind Moslems.

Und wenn wir schon bei den (geschätzten) Fakten sind: Kürzlich wurde in Ghana die Nachricht publiziert, dass Ghana das Land mit höchsten Handy-Dichte weltweit sei. Vodafone lässt grüßen. Und obschon sich Tamale mühsame zwölf Reise-Stunden von der Hauptstadt Accra entfernt mitten in der Savanne ausbreitet, ist die 500000-Einwohner-Stadt dank dieser Pole-Position im weltweiten Handy- Ranking eng angebunden an das globale Dorf. "Weg-sein" war früher anders. Da gab's nur den Block und die aufgeregten Notizen. Heute fischt der Blog den exotischen Eindruck unverzüglich ab. Ein Vexierbild entsteht zwischen hier und dort, zwischen 48. Breitengrad und kurz vor dem Äquator. Und zwar auf allen Kanälen, denn nicht nur Telefonieren, auch Internet-Recherche, Mailen und Blog-Belieferung funktionieren haargenau so wie mitten in Freiburg.

Abgesehen von den Power-Cuts, den Stromausfällen. Dann schweigen für ein paar Stunden die Ghettoblaster. Und - wesentlich ungemütlicher als das – die Ventilatoren hören auf, flappernd die warme Luft herumzuwirbeln. Nur das Gehupe hört nicht auf, das Gewimmel, die ständige Bewegung von hier nach da, Körbe voller Früchte, Tonnen mit Öl, Krüge mit Wasser, irgendwo abgeholt und irgendwo hingebracht – ohne Hektik aber wie an der Schnur gezogen. Und wer immer die Stellung hält, sind natürlich der Lanzan auf dem Minarett - und die Mobilfunktelefone.

Julia Littmann
veröffentlicht am 4. November 2009 in der Badischen Zeitung.