Frankfurt

Frankfurt, 8.12.09: Die da oben, die da unten

 © Instituto Cervantes Frankfurt © Foto: Jörg Hempel, 2008Munyao Mutinda berichtet vom Festival des spanischen und lateinamerikanischen Films im Instituto Cervantes.

Eines der Themen, das sich beim soeben zu Ende gegangenen Spanischen und Iberoamerikanischen Filmfestival im Instituto Cervantes in Frankfurt herauskristallisierte, war das sinnbildliche Erwachsenwerden Lateinamerikas. Auf dem Programm des fünftägigen Festivals, das am Sonntag, dem 29. November endete, standen ausgewählte Produktionen aus Spanien und Lateinamerika, mit Schwerpunkt auf dem lateinamerikanischen Gegenwartskino.

Während die Filme versuchten, der Welt zu zeigen, dass Lateinamerika mehr Themen bietet als Gewalt, Kriminalität und Armut, schildern sie doch das Dilemma des Kontinents im Umgang mit eben diesen Problemfeldern. Dass es Probleme gibt und dass die Bevölkerung bis heute mit ihnen ringt, ist nicht abzustreiten. Einige haben sich augenscheinlich freigeschwommen, aber die meisten stecken mitten drin.

Die Filme zeigen die widersprüchlichen Welten Lateinamerikas am Beispiel des Nebeneinanders von Reich und Arm. So auch der Film „Una Semana Solos“ (Eine Woche allein) von Celina Murga, der am Donnerstag, dem 26. November gezeigt wurde. Kinder aus der abgeschirmten argentinischen Oberschicht verbringen eine Woche allein zu Haus und werden mit der echten Welt konfrontiert. Was als harmloser Spaß beginnt, während sie zu Hause freie Bahn haben, gerät aus der Hand, als jemand von außen dazukommt und ein paar Ideen einbringt, wie man es richtig krachen lassen kann. Aus den unschuldigen Alltagserlebnissen der Kinder und dem Unfug, den sie gemeinsam treiben, wird eine Geschichte gestrickt, die eine selten erzählte Realität widerspiegelt: die Unsicherheiten und das Verknalltsein in der Jugend und das unvermeidliche Chaos, das entsteht, wenn Kinder sich selbst überlassen werden. Letztlich werden aber auch die Hürden deutlich, die Kinder aus der abgeschirmten Oberschicht überwinden müssen, während sie erwachsen werden.

Mit dem gleichen Thema befasst sich augenscheinlich auch Josué Méndez in seinem Film „Dioses“, der ebenfalls am Donnerstag auf dem Programm stand. Er zeigt die Ausschweifungen und die Dekadenz des Lebens in der High Society von Lima. Endlose Partys, Alkohol, Drogen und viel Geld schaffen schier unüberwindbare Probleme für die Kinder der peruanischen Oberschicht, einer isolierten Gesellschaft, in der sich jeder wie ein Gott aufführt: jenseits aller Regeln, jenseits aller Anfechtbarkeit. Schwierige Voraussetzungen für die Kinder, die mit Geld überhäuft werden, aber moralisch orientierungslos sind. Sie tappen durch das Dunkel einer Welt, in der sich Väter mit jungen Ehefrauen schmücken und darüber die Schwierigkeiten ihrer aufwachsenden Kinder aus dem Blick verlieren.

Ebenfalls vom Partyleben handelt „Favela on Blast“, ein Dokumentarfilm über die Verbreitung des Funk, eines Musikgenres, das in Rio de Janeiro erst zur Kulturszene und dann zur Bewegung mutierte. Der Film, der am Freitagabend gezeigt wurde, zeigt das komplexe Geschehen auf der anderen Seite der Kluft zwischen Arm und Reich, dem Ghetto. Mit der Ankunft des Baile-Funk im Ghetto nimmt das Schicksal der Protagonisten einen neuen Lauf. Die anderen feiern eine lange Party, die ihr Leben nicht zum Besseren ändert, aber Spaß macht. Die Musik bringt die Probleme im Ghetto an den Tag, bietet aber keine echte Lösung. Einige der Lieder scheinen Gewalt und Sex zu verherrlichen. Aber die Rhythmen machen alle gaga.

Vielleicht sind es die Frauen unter den Funkeiros, die den Anstoß zur Befreiung und Veränderung geben, indem sie ihre Arbeit als Haushaltshilfen niederlegen und ihren Hut in den Funk-Ring werfen. Dann blasen sie den Männern die Meinung, nach deren Ansicht Frauen in die Küche gehören.

Der Dokumentarfilm von Wesley Pentz und Leanoro HBL über den Baile-Funk zeigt das Leben der DJs, Musiker und Tänzer sowie die Partykultur in den Favelas von Rio, aber auch das Leben jenseits der Party. Der Film skizziert die Gesellschaft treffend. Vor allem aber zeigt er einen positiven Wandel hin zu progressiven Werten wie Fleiß und Bildung.

Dann stand noch „Los Bastardos“ von Amat Escalant auf dem Programm. Der Film dreht sich um die Probleme illegaler Einwanderer in Los Angeles in Kalifornien. Sie stehen auf der Schattenseite des Lebens. Sie erzählen von ungerechten Löhnen, Horrorgeschichten von Vergewaltigungen und Entführungen und den Menschen, für die sie arbeiten, die auf ihre Kosten ein angenehmes Leben führen. Escalante zeichnet die Probleme und Sorgen dieser verarmten, ungebildeten Männer nach, die fern von ihren Familien jeden Tag an irgendwelchen Ecken stehen und darauf warten, dass ihnen jemand eine Knochenarbeit anbietet, die dann schlecht bezahlt wird. Und dabei müssen sie dann Anfeindungen wegen ihrer Herkunft über sich ergehen lassen. Diese Umstände setzen in den Männern bald bösartige und kriminelle Energien frei. Der Film endet mit zwei Schüssen und lässt keine Zweifel offen, dass die unüberwindlichen Gräben zwischen den sozialen Schichten die Arbeiter zu kaltblütigen Tätern gemacht haben.

Munyao Mutinda
veröffentlicht am 8. Dezember 2009 in der Frankfurter Rundschau.