Riga

Riga, 19.2.2013: Aus der Perspektive eines Fremden

 © Aivars Liepins, Dienas mediji
Meine Lieblingsstraße: die Spikeri-Häuser zwischen der Maskavas und der Krasta Iela außerhalb der Innenstadt. Sie erinnern an die historische Speicherstadt in Hamburg. Obwohl die Backsteinhäuser gerade mit Hochdruck renoviert werden, stimmt die Energie (Foto: Aivars Liepins/Dienas mediji)

Die Letten wollen Touristen gegenüber möglichst westlich und modern sein. Dabei kommen die Gäste in erster Linie nach Riga, um den Osten mit all seinen Unwägbarkeiten zu entdecken. Was sie finden, sind eine aufregende Architektur, eine entspannte Atmosphäre und ein aufgeschlossenes Volk.

Zunächst hat mich Riga getäuscht. Beim Anflug auf die Stadt vom Westen her ist alles Wasser: die Bucht links, unten der Babite See, eine ganze Seenplatte. In der Mitte teilt die Daugava das Panorama, mein Blick schweift kurz ab und folgt ihr ins Landesinnere: Hansestadt, Hafenstadt, Kräne und Kanäle mit ihren Nebenarmen und Zuflüssen. Von oben erinnert vieles an Hamburg. Doch die Promenade erweist sich bei einem ersten Spaziergang als karg; die „11. novembra krastmala“ ist für Autos, nicht für Menschen gemacht, der Fluss glänzend gefroren, die Stadt konsequent vom Wasser weg gebaut – also hinein in die Gassen.

Ich bin für einen Monat hier, mit einem Stipendium des Goethe-Instituts, um für Diena und für meine Berliner Heimatzeitung Der Tagesspiegel Riga zu porträtieren. Mit der Steinbrücke im Rücken laufe ich geradeaus. Der Rathausplatz wird verstellt vom Okkupationsmuseum, das kantig und unbequem geraten ist, als wollten die Erbauer den ersten Blick auf die Altstadt nur durch die Pforte der Leiden des vergangenen Jahrhunderts zulassen.

Wie eine potemkinsche Fassade wirkt dagegen das Schwarzhäupterhaus, dem sein Baujahr 1999 nur zu deutlich anzusehen ist. Unweigerlich muss ich an das gewaltige Stadtschloss denken, das Berlin gerade in seiner Mitte wieder aufbaut, nachdem es im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und von den Kommunisten abgerissen wurde. Ob Geschichtsbewusstsein wirklich immer die Wiedererrichtung des Alten aus neuen Steinen impliziert?

Mein Blick auf Riga ist nicht von historischen Hindernissen verbaut, ich bin zum ersten Mal hier – unvoreingenommen, wie es so schön heißt. Da sich mein Hotel in der Altstadt befindet, halte ich mich viel dort auf. Es liegt direkt an der Petrikirche, die mir besser gefällt als der Rigaer Dom, weil sie schlanker ist und nach oben strebt, während der Dom klobig in der Landschaft liegt. Vielleicht erinnert mich die Petrikirche auch nur noch mehr an Norddeutschland, wo ich mehrere Jahre gewohnt habe.

 © Aivars Liepins, Dienas mediji
Ich sitze gern auf dem ehemaligen Aufmarschplatz Esplanande zwischen dem Museum, der Kunstakademie und der Orthodoxen Geburtskathedrale. Viel Platz inmitten dreifach beeindruckender Architektur (Foto: Aivars Liepins/Dienas mediji)

Für mich hat jede Großstadt eine Tageszeit, sie sie charakterisiert – in der sie sich selbst am ähnlichsten ist. In Deutschland ist das einfach: Berlin ist zum Beispiel ein Nachtstadt; es ist am schönsten, wenn der Schneedreck der Metropolis scheinbar unter den Begeisterungsschreien betrunkener Touristen zusammenschmilzt. Hamburg mit seinem legendären Fischmarkt und der klaren Meeresluft ist eine Morgenstadt, dem sauberen München steht der Tag gut zu Gesicht, und Köln ist „schunkelig“ warm, irgendwie abends eben. Bei Riga bin ich mir zunächst nicht sicher, entscheide mich dann aber für den Abend. Der weihnachtlich anmutende Straßenschmuck in der Neustadt, die sich füllenden Bars der Altstadt und das sich warm auf dem Schnee spiegelnde Licht der Straßenlaternen: Riga ist für mich abends am schönsten.

Vielleicht liegt das auch daran, dass abends die Lokalbevölkerung ausgeht. Je später es wird entlang der Kalku Iela, desto mehr Touristen steuern die Bars an. Bei dieser Straße drängt sich der Eindruck auf, dass sie nur für ausländische Gäste gestaltet wurde, für Komasäufer aus England und Skandinavien sowie für sich verabschiedende Junggesellen aus den USA. Oder wozu braucht Riga einen „T.G.I. Fridays“, wo ein Burger mit Getränk zwölf Lats kostet, und die Kellner so zwanghaft auf alternativ und individuell gestylt sind, dass sie schon wieder alle gleich aussehen?

Diese Touristen sehnen sich aber nicht nach dem, was sie schon von zu Hause kennen, sondern nach diesem besonderen schäbigen Glanz des Ostens. Das zeigen etwa die stets umjubelten und mit Kleingeld bedachten vier Kerle in Großmütterchen-Kleidern, die ich häufig gegenüber dem Stripplokal an der Kreuzung Kalku und Valnu Iela fröhlich musizieren sehe. Es ist ein seltsames Paradoxon, das Lettland mit vielen Ländern Osteuropas teilt: Man will möglichst westlich und modern sein und viele Gäste aus dem Westen haben, denen man sein modernes „Westsein“ zeigt.

Doch die Gäste kommen vor allem deshalb, weil sie den Osten mit seinen ganzen Unwägbarkeiten und ihre Klischees über diesen bestätigt sehen wollen. Zweimal besuchen mich in diesem Monat Freunde aus Deutschland, beide Male sind sie vor allem vom Zentralmarkt fasziniert. Nicht nur von der Architektur der alten Luftschiffhallen, sondern von der Wuseligkeit, den zupackenden Verkäufern, die sich für die Gäste interessieren. Von der ganzen „Ostigkeit“ des Zentralmarktes eben.

Ich laufe durch die Stadt und kann doch nicht aufhören zu vergleichen. Riga wirkt ruhiger, sicherer, es ist deutlich weniger Aggressivität in der Luft als in deutschen oder französischen Großstädten. Gegenüber Berlin fällt abends vor allem auf: In den Bars darf man nicht rauchen und beim Rauchen vor den Bars nicht trinken. Auch hängen überall Überwachungskameras, damit niemand auf die Idee kommt, diese strengen Gesetze zu missachten. An den Kneipentheken werden sogar aus Schnapsgläsern häufig gemischte Getränke und nicht 40 prozentiger Alkohol getrunken. Ich finde es bezeichnend, dass man den Nationalschnaps Rigas Melnais Balzams meistens mit nicht-alkoholischen Getränken mischt und nicht pur runterkippt. Prost.

 © Aivars Liepins, Dienas mediji
Meine Lieblingsbar: Leningrad an der Kaleju Iela. Eine gute Mischung aus Touristen und Einheimischen. Gut mischen können die Barkeeper auch. Und das Logo zeigt Lenin mit Irokesenhaarschnitt. Ein so lockerer Umgang mit Geschichte ist abends genau richtig (Foto: Aivars Liepins/Dienas mediji)

Sogar wenn sie ein einzelnes Bier kaufen, zahlen die Rigaer mit der Kreditkarte, das Vertrauen in die Barleute muss groß sein. Wie ohnehin das viele bargeldlose Bezahlen auffällt. Es ist modern, einerseits, doch es verstellt auch den Blick auf die realen Kosten, wenn statt der Übergabe eines festen Materials ein zunächst scheinbar fiktiver Vorgang zum Kauf berechtigt. Zwangsläufig muss ich an den Werbespruch Live now, pay later denken, den es, so wurde mir erzählt, auch in Lettland gab und der für viele zur Lebenseinstellung wurde – das Leben auf Pump, einer der Gründe für die Wirtschaftskrise. Dass es die gibt, glauben Besucher von Riga übrigens selten, so oft rauscht ein BMW, Mercedes oder Audi Quattro TT vorbei.

Mein bevorzugtes Verkehrsmittel in Riga sind meine Füße. Ich laufe durch die Moskauer Vorstadt, deren Besuch mich im festen Glauben lässt, ihr schlechtes Image beruht vor allem auf der Nennung der russischen Hauptstadt in ihrem Namen. Ich laufe auf der anderen Seite des Fluss in Richtung Stradiņš Universität. Ich laufe auch entlang der Daugava in Richtung Hafen, auf der Suche nach einer richtigen Promenade und finde entlang der Eksporta Iela gegenüber dem Passagierterminal für Fährschiffe ein verfallenes alternatives Zentrum. Ein Gebäude, auf dem Naive Art Museum of Latvia steht, ist jetzt ein Klamotten-Laden und gleich daneben thront ein großes Bier- und Wein-Outlet. Unweit sitzen Eisfischer. Als ich sie anspreche, geben sie mir ihre nicht zitierfähige Meinung über lettische Politiker wieder und etwas zu trinken. Nochmal Prost.

Angenehm in Riga ist die Ganzheit der Stadt. Sie zerfällt nicht in schicke Altstadt und schnöde Nebenbezirke, sondern wirkt homogen und im guten Sinne dieses Wortes bürgerlich. Vielleicht trägt dazu bei, dass es kaum breite Straßen gibt, kaum gewaltige Magistralen, die ganze Wohngegenden teilen. Ich laufe weiter, und wenn es zu weit wird, nehme ich den Bus, in dem man modern per E-Ticket zahlen und an verfallenden alten Holzhäusern vorbeifahren kann. Was mir gegenüber Berlin fehlt, sind weitläufige Parks und Heterotopien – diese außergewöhnlichen Orte, die das Besondere einschließen und das Gewöhnliche abstoßen. Manchmal scheint es, als würde der Stadt mehr Luft zum Atmen gut tun. Vielleicht ja mehr Meeresluft an einer neuer Promenade entlang der Daugava.
Von Nik Afanasjew
Veröffentlicht am 14. März 2013 in der lettischen Tageszeitung „Diena“
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