Riga, 18.2.2013: „Kunst muss Fragen stellen“
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Karlis Vitols kritisiert – es geht ihm aber nicht darum, Schuldige zu suchen (Foto: Raitis Puriņš)
Besuch bei einem Provokateur der jungen europäischen Künstlergeneration: Der lettische Künstler Karlis Vitols prangert in seiner Ausstellung „Kults“ politische Scharaden, Nationalismus und veraltete Feindbilder in seinem Heimatland an.
Die lettische Flagge brennt. Nicht nur eine, sondern sieben, die auf sieben Bildschirmen lodern, verglühen, aus ihrer eigenen Asche wieder auferstehen und erneut in Flammen aufgehen. Im Hintergrund siecht ein verlassenes Holzhaus aus dem 18. Jahrhundert vor sich hin, irgendwo in einem lettischen Dorf. Die Flaggen sollen die „sieben fetten Jahre“ symbolisieren, die der damalige Ministerpräsident Aigars Kalvitis 2005 kurz vor der Krise Lettland versprochen hat. Diese Videoinstallation ist eines der aufwühlenden Exponate in Karlis Vitols Ausstellung „Kults“, die bis zum 16. März im Mukusalas Art Salon gezeigt wird.
Eine Art Fetisch
„Es ist meine bisher realistischste Ausstellung; ich war etwas müde“, sagt Karlis Vitols bei einer Begegnung im Art Salon. Man kann sich denken, dass er müde ist von den politischen Scharaden und der Korruption in Lettland. Mit der Überzeichnung nationaler Symbole dekonstruiert Vitols die in Lettland geführte Auseinandersetzung zwischen Letten und Russen um ihre nationale Identität als falschen Kult. „Die Menschen benutzen nationale Symbole als eine Art Fetisch. Die Leute stacheln sich gegenseitig auf. Man sollte doch meinen, 20 Jahre wären genug, um Frieden zu machen“, so Vitols. An seiner eindringlichen Art zu sprechen merkt man, wie ernst es dem Künstler ist.Mit diesen nationalen Symbolen meint er beispielsweise das rot-weiße „V“ und das schwarz-gelbe „Λ“, die sich im dunklen Ausstellungsraum an zwei Wänden mannshoch gegenüber hängen. Vor allem an nationalen Feiertagen, die manchmal zu nationalen Kampftagen werden, sind die Symbole zu sehen, an Autos, Fenstern oder auf der Kleidung der Menschen. Ob lettische Nationalisten, die alles Russische aus dem Land ausmerzen wollen, oder russische Nationalisten, die den lettischen Staat als solchen gar nicht anerkennen – Vitols scheint beide Gruppen abzulehnen. „Einerseits werden die Menschen von Politikern und anderen Manipulatoren mit dem Hangs zum Nationalen benutzt. Andererseits ist es einfacher, mit einem Feindbild zu leben. Es ist jedoch ein falscher Sinn des Lebens.“ Wie falsch – das merkt der Betrachter auch an der düsteren Atmosphäre im dunkel gehaltenen Ausstellungsraum. Hinzu kommt das beklemmend gleichmäßige Geräusch eines Tropfens, der wie in einer Folterkammer systematisch auf die Nerven des Besuchers fällt.
Verhärtete Fronten
Ein paar Schritte weiter ist das Graffiti einer Jacke mit der Aufschrift „Russia“ zu sehen – direkt gegenüber hängt der Ausschnitt eines Gürtels aus der lettischen Stadt Lielvarde, dem sogenannten Lielvardes josta, der überlebensgroß seine Wirkung nicht verfehlt. Dass der Russland-Schriftzug auf Englisch geschrieben ist – wie es auf vielen Kleidungsstücken tatsächlich der Fall ist – verdeutlicht die Zwickmühle der Russen: Oft scheinen sie nicht zu wissen, woran sie sich seit dem Untergang der Sowjetunion festhalten sollen. Die Unsicherheit erzeugt Abwehrreflexe, auf die die Letten wiederrum defensiv reagieren. Diesen Kreislauf zu beenden – das ist die künstlerische Absicht von Vitols mit seiner Ausstellung „Kults“.„Ich will keine Schuldigen suchen. Kunst muss Fragen stellen, keine Lösungen liefern“, sagt Vitols zum Abschluss des Gesprächs. Verlässt man den dunklen Raum im Obergeschoss des Mukusalas Art Salons und läuft die Treppe hinunter in den Hauptsaal, schweift der Blick durch die weite Glasscheibe zwangsläufig über die Daugava hinweg auf die Spitze eines Symbols vergangener Tage, der Akademie der Wissenschaften im stalinistischen Zuckerbäckerstil. Ein Symbol für alte Zeiten – doch diese haben sich geändert.
Von Nik Afanasjew
Veröffentlicht am 18. Februar 2013 in der lettischen Tageszeitung „Diena“
Veröffentlicht am 18. Februar 2013 in der lettischen Tageszeitung „Diena“