Neustadt, 9.2.2013: Raus aus der Isolation

Nicht selten geht's in den Gesprächen um Arbeitslosigkeit und Geldmangel (Foto: Linz Meier-Mehn)
Arbeitslosigkeit ist oftmals eine Abwärtsspirale: Die Menschen laufen Gefahr, sich völlig zu isolieren. Um das zu verhindern, organisiert die Sozialberaterin Karin Schnorr jeden zweiten Donnerstag ein so genanntes „Hartz-IV“-Frühstück in Neustadt. Ein Besuch.
Sorgfältig vorbereitete Tabletts mit Salami, Käse, Tomaten, gekochten Eiern, Marmelade sowie Kaffee und Tee stehen jede zweite Woche jedem aus dem Kirchenbezirk Neustadt zur Verfügung. Manchmal bringen die Besucher auch selbst etwas mit. Zum Beispiel selbst gemachten Apfelkuchen, den heute eine der rund zehn Frauen, die zu dem Treffen gekommen sind, gebacken hat.
„Man isst sehr gut hier“, sagt ein jüngerer Mann. Einer der wenigen Männer, denn die Männer sind hier deutlich in der Minderheit. Doch das Essen ist nicht der Hauptgrund, warum zu den Treffen im Casimirianum jedes Mal zwischen 15 bis 30 Leute kommen. „Man fühlt sich hier aufgehoben. Wir haben schon viel zusammen durchgemacht“, erzählt eine Mittfünfzigerin, die schon seit vielen Jahren arbeitslos ist und seit über fünf Jahren an dem Frühstück teilnimmt. „Wenn man mal fünfzig ist, will dir niemand mehr Arbeit geben“, erzählt sie.
Früher war sie Buchhalterin und Sekretärin. Auch ein Ein-Euro-Job hat ihr nicht dabei geholfen, wieder einen Job zu bekommen. Im Casimirianum trifft die Neustädterin Menschen, die wissen, was es bedeutet, „Hartz IV“ zu bekommen. Sie wissen es, weil sie in der gleichen Lage sind. Die meisten von ihnen sind jenseits der 50 und seit vielen Jahren arbeitslos. Nicht wenige haben gesundheitliche Probleme, eine Frau ist sogar krebskrank. „Es sind harte Geschichten, die einige hinter sich haben“, sagt Sozialberaterin Karin Schnorr, die das Frühstück im Auftrag der Diakonie organisiert.
„Am Ende des Geldes bleibt noch viel Monat übrig“
Viele von ihnen haben selbst in der eigenen Familie die Unterstützung verloren. Und so ziehen sie sich immer mehr zurück, vereinsamen und resignieren. Beim „Hartz IV“–Frühstück geht es vor allem darum, aus der Isolation zu kommen. Hier sind alle in der gleichen Lage; niemand muss sich verstecken. Die Gemeinschaft gibt ihnen Kraft. Nach dem Frühstück kommen die Besucher ins Gespräch miteinander. Dass es dabei häufig um Geld und Geldmangel geht, liegt auf der Hand.„Am Ende des Geldes bleibt noch viel Monat übrig“, so Schnorr. „Vor allem die Alleinlebenden müssen schon gut rechnen können, damit sie es schaffen mit 382 Euro alle Rechnungen zu begleichen und über den Monat zu kommen.“ Ein Vorteil: Neustadt ist klein, und es gibt ein gut entwickeltes Netz von Sozialeinrichtungen. „Viele Menschen engagieren sich auch ehrenamtlich, es gibt viel Nachbarschaftshilfe“, sagt Schnorr. Die Menschen interessieren sich für ihre Mitmenschen. Dass Neustadt eine niedrige Arbeitslosenquote hat, ist für diejenigen, die keine Arbeit finden können, wenig hilfreich. „Einige werden nie wieder arbeiten“, hebt Schnorr hervor. Schon deshalb nicht, weil es ihr gesundheitlicher Zustand nicht erlaubt.
Ausgesucht hat sich niemand hier seine Lage, niemand hier im Casimirianum ist gerne von Sozialleistungen abhängig. Alleine für sich sorgen zu können, wäre ein gutes Gefühl. Das nicht zu können, ist hier, wo Arbeitslosigkeit eher die Ausnahme ist, besonders bitter. „Wenn die Zahl der Arbeitslosigkeit hoch ist, ist es für den Einzelnen leichter“, sagt Schnorr. Doch in Neustadt sei die Zahl der Reichen im Vergleich zu anderen Städten sehr hoch. Das Stadtzentrum ist geprägt von schönen Geschäften und Boutiquen. Doch der Weg der armen Leute führt meist nur zur Neustadter Tafel.
Von Marjeta Kralj
Veröffentlicht am 9. Februar 2013 in der „Rheinpfalz“
Veröffentlicht am 9. Februar 2013 in der „Rheinpfalz“