Ljubljana

Ljubljana, 15.3.2013: Europas schreckliche Vergangenheit

 © Kathrin Keller-Guglielmi
Begegnung in Ljubljana (Foto: Kathrin Keller-Guglielmi)

Tagebuch Ljubljana (4): Begegnung mit einer alten Dame, die das Konzentrationslager überlebte.

Ich lerne eine 91-jährige Frau kennen. Sie gehörte als 20-Jährige zu einer Gruppe junger Leute, die den Mut hatten, gegen die italienischen Faschisten aufzumucken, die Slowenien besetzten. Sie schrieb Viva la libertà und antifaschistische Parolen auf Häuserwände in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Im Juli 1942 wurde sie erwischt und verhaftet. Sie war in Venedig und Perugia im Gefängnis, wo sie mit Schwerkriminellen in einer Zelle zusammengesteckt wurde. Dann stürzte Mussolini. Endlich zurück nach Ljubljana. Doch nur für kurze Zeit. Sie wurde erneut verhaftet, dieses Mal von den Nationalsozialisten, und kam ins Konzentrationslager Ravensbrück.

Im Vergleich zu dem, was sie dort erlebte, war Perugia allerdings noch harmlos gewesen: Nun gab es Arbeit bis zum Umfallen, Schläge, Hunger. Aber sie war jung, stark und überlebte. Ihr Bruder dagegen wurde von den Schergen des nationalsozialistischen Regimes nach Dachau deportiert und ermordet. Wir lernen uns kennen, als der italienische Historiker Carlo Spartaco Capogreco sein Buch über die Lager des Duce vorstellt. 2004 ist es auf Italienisch erschienen und jetzt ins Slowenische übersetzt worden. Capo Capogreco hat in Archiven in Slowenien, Kroatien und Serbien gearbeitet. Die alte Dame war schon in Hut und Mantel, als ich sie nach der Buchpräsentation ansprach. Sie nahm sich noch einen Moment Zeit für meine Fragen. Doch dann hatte sie es auf einmal sehr eilig, und ich schaffte es nicht mehr, sie nach ihrem Namen zu fragen. Jetzt bleiben sie und ihr Bruder in diesem Artikel namenlos. Was für ein Fehler.

Von Kathrin Keller-Guglielmi
Veröffentlicht am 15. März 2013 in der „Rheinpfalz“
Links zum Thema