Budapest

Budapest, 28.1.2013: „Ungarn muss die Menschen nicht festhalten“

 © Audi Hungaria
Thomas Faustmann leitet das Audi-Werk in Győr seit zehn Jahren (Copyright: Thomas Faustmann/Audi Hungaria)

Ab Juni wird im Audi-Werks in Győr der neue A3 gefertigt. Im Interview wehrt sich Werksleiter Thomas Faustmann gegen Zweifel an der Qualität und kritisiert die ungarische Hochschulreform.

Im Juni eröffnet Audi in Győr erstmals eine komplette Automobilfertigung. Mit einer Jahresproduktionskapazität von 125.000 Einheiten steigt Ihr Werk dann zu einem der wichtigsten Standorte für die Audi-Kompaktmodelle auf. In Deutschland bestehen Zweifel, dass die Qualität durch die Produktion in Ungarn gleichbleibend hoch bleibt. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Faustmann: Bei uns hat Qualität oberste Priorität. Das Audi-Produktionssystem gilt für alle Audi-Standorte weltweit. In Győr werden Premiumprodukte hergestellt – mit das Beste, was es auf dem Weltmarkt zu kaufen gibt. Das gilt sowohl für die Motoren als auch für die Automobile. In unseren Produktionsprozess investieren wir seit zwanzig Jahren viel Kraft und heute sind wir, was die Qualität angeht, Spitzenklasse. Wir machen auch bei unseren neuen Produktionslinien keine Kompromisse.

Mit ihrer neuen Autoproduktion sind sie aber auch auf verlässliche Zulieferer angewiesen ...

Viele unserer bewährten Lieferanten sind uns nach Győr gefolgt. Wir haben circa 50 Zulieferbetriebe, die in Ungarn produzieren. In der Regel ist es so, dass internationale Firmen ihre Produkte in Ungarn herstellen, die sie in ihren Forschungs- und Entwicklungszentren am Stammsitz entwickelt haben. Wir stellen uns bei der Auswahl der Zulieferer immer die Frage: Ist die Technologie vorhanden, um unseren Anforderungen gerecht zu werden? Ist die Qualität sichergestellt? Neben der Kostenstruktur sind Technologie und Qualität für uns als Premiumhersteller entscheidend. Dazu ist eine gewisse Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig.

Sie versuchen derzeit, ihre Ausbildung in Ungarn der dualen Ausbildung in Deutschland anzupassen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?

Ohne Audi würde ein ungarischer Facharbeiter im Extremfall in der Berufsschule so ausgebildet, dass er drei Jahre lang keinen Betriebsalltag erlebt hätte. Wir wollen, dass unsere Auszubildenden früher Praxiserfahrung sammeln. Im zweiten Lehrjahr kommen die Auszubildenden zu uns, um sich die Griffe und Kniffe von unseren Experten vor Ort anzueignen. In unserem Projekt- und Trainingszentrum, das wir vor 1,5 Jahren neu errichtet haben, bilden wir in 13 unterschiedlichen Berufen aus. Dennoch gibt es immer noch Unterschiede: Auszubildende in Deutschland haben einen Vertrag mit dem Unternehmen. So etwas gibt es hier in Ungarn noch nicht. Einen Vertrag gibt es erst nach der Ausbildung. Auch bei Neueinstellungen legen wir sehr strenge Auswahlkriterien an. Das führt dazu, dass unsere Produktionsmannschaft über ein sehr hohes Qualifikationsniveau verfügt.

Mit Daimler und Suzuki haben sich noch zwei weitere große Autohersteller in Ungarn niedergelassen. Haben Sie ein Problem, noch qualifizierte Mitarbeiter zu finden?

Nein. Wir hatten alleine im vergangenen Jahr über 42.000 Bewerbungen. Wir sind im 2012 zum vierten Mal zum attraktivsten Arbeitgeber Ungarns gewählt worden. Zudem bieten wir attraktive Arbeitsbedingungen und ein wertebasiertes Führungssystem. Darüber hinaus zahlen wir attraktive Löhne – etwa 20 Prozent über dem Branchendurchschnitt.

Aber wer auswandert, kann dort eventuell noch mehr verdienen ...

Die Ungarn sind sehr heimatverbunden. Und wer bei der Audi Hungaria arbeitet, hat ein sicheres, belastbares Arbeitsverhältnis. Das haben wir auch in der Krise 2008 und 2009 bewiesen. Wenn Sie heute mit einem unserer Werksausweise zur Bank gehen, dann ist das in Ungarn wie eine Kreditkarte. Man bekommt beispielsweise als Audi-Mitarbeiter einfacher Kredite für den Kauf einer Wohnung oder eines Hauses. All diese Dinge machen es aus, dass wir einen hohen Zulauf im Personalwesen vorweisen können.

Unter hochqualifiziertem Personal ist der Arbeitsmarkt deutlich internationaler. Wie stellen Sie auch in Zukunft sicher, dass sie genug Ingenieure finden?

Bei der Ingenieursausbildung haben wir eine sehr enge Kooperation mit der Széchenyi István Universität in Győr. Wir haben dort drei Lehrstühle gegründet. Unser Ziel ist es, das Know-how der Automobilindustrie in diese Lehrstühle zu transferieren und damit die Studenten, wenn sie aus der Universität kommen, auf ein höheres Lernniveau gebracht zu haben. Damit stellen wir sicher, dass unsere Absolventen nach der Uni schnell bei uns einsetzbar sind. Zu den Vorlesungen unserer deutschsprachigen Master-Studiengänge laden wir Experten aus Deutschland ein. Das ist einmalig in Ungarn und einmalig im Volkswagen-Konzern.

Auch wenn sie hier in Ungarn Ingenieure ausbilden, findet ein großer Teil der Entwicklungsarbeit weiterhin in Deutschland statt. Wird das so bleiben?

Wir haben eine klare Mission: Technisch innovativste Produkte in Serienproduktion zu fertigen. Natürlich werden die Produkte in Deutschland entwickelt, die Motoren zum Beispiel an unseren Standorten in Ingolstadt und Neckarsulm. Wir haben aber auch hier im Werk ein Entwicklungszentrum für Motoren. Dort arbeiten 165 Mitarbeiter, davon sind über 120 Ingenieure, die gemeinsam mit den Kollegen in Deutschland an neuen Produkten und Teilentwicklungen arbeiten, wie beispielsweise an der Entwicklung eines neuen Zylinderkopfes.

In Ungarn wird derzeit sehr kontrovers über die Bildungsreform diskutiert. Die Regierung will an den Universitäten sparen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Am Anfang kostet Ausbildung Geld, aber auf lange Sicht zahlt es sich aus. Die Ressource dieses Landes sind seine Menschen, das weiß auch die ungarische Regierung. Je besser ich die Menschen ausbilde, desto einfacher ist es für sie, Arbeit zu finden. Das sollte im Zusammenspiel mit den Industrieunternehmen geschehen, die am Standort Ungarn agieren.

Trotzdem denken viele junge Ungarn darüber nach, wegen den aktuellen Bildungsreformen und den erschwerten Bildungskrediten das Land zu verlassen ...

Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, die Leute in einem Land festzuhalten. Freiheit ist für mich einer der höchsten Werte, den man überhaupt haben kann. Freiheit heißt nicht, tun und lassen zu können, was man möchte. Freiheit heißt, etwas nicht tun zu müssen, was man nicht will. Ungarn muss sich überlegen: Wie können wir für unsere jungen Menschen attraktiv sein? Ungarn ist ein tolles Land. Es leben hier viele tolle Leute und es macht Spaß, hier zu arbeiten. Ungarn muss seine Menschen nicht mit finanziellen Mitteln festhalten.
Das Interview führte Lukas Bay
Veröffentlicht am 6. Februar 2013 bei „Handelsblatt Online“
und am 7. Februar 2013 bei „Hvg.hu“
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