Budapest

Budapest, 28.1.2013: Auferstanden aus Ruinen

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Das Audi-Werksgelände vor der Eröffnung im Jahr 2010 (Foto: Bánkuti András/Hvg.hu)

Schon heute steht in Győr im Westen Ungarns das größte Motorenwerk des VW-Konzerns. Ab Juni wird der Standort noch wichtiger. Dann wird hier der neue A3 gefertigt. Ein Besuch in einer wiederbelebten Industriestadt.

Die Fahrt hinaus vom Zentrum der Stadt Győr zum Audi-Werk gleicht einer Reise durch die ungarische Industrievergangenheit. „Fabrik-Friedhof“ nennen die Einheimischen das Gelände. Hinter Steinmauern verfallen längst verlassene Fabriken, auf denen zu Zeiten des Sozialismus noch die Schlote rauchten. Starkstrommasten und Bahnschienen kreuzen die Straße, die hinaus führt zur Zukunft des Industriestandorts im Westen Ungarns.

Vier leuchtende Audi-Ringe begrüßen den Besucher des Audi-Werks Győr, das mittlerweile das größte Motorenwerk des gesamten VW-Konzerns ist. Offiziell arbeiten hier 8600 Mitarbeiter, inoffiziell sind es sogar etwas mehr. Ab Juni sollen hier sogar komplette Fahrzeuge gefertigt werden. Eine Milliarde Euro hat Audi dafür investiert.

Vor fast zwanzig Jahren, als die Produktion im Westen Ungarns startete, hatte mit dieser Entwicklung kaum jemand gerechnet. Zur Eröffnung kamen der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch und Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder. Die kleine Zylinderkopffertigung war noch nicht mehr als ein konzerninterner Zulieferbetrieb. Heute stünden im VW-Werksverbund die meisten Bänder still, wenn in Győr die Produktion ausfallen würde. 8.000 Motoren werden heute pro Tag produziert – vom kleinen Vier-Zylinder bis zum leistungsstarken Zwölf-Zylinder. Vom Werk in Győr werden die Motoren hinaus in die großen Fabriken des VW-Imperiums geliefert – von Ingolstadt bis ins chinesische Changchun. Mittlerweile ist Audi Hungaria sogar der größte Exporteur des Landes in Richtung China. „Unsere Aufgabe hier ist es, lokal in Premiumqualität für den Weltmarkt zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren“, sagt Werksleiter Thomas Faustmann.

Er leitet das Werk seit zehn Jahren und hat die meisten großen Entwicklungsschritte persönlich miterlebt. „Wir haben hier am Standort gemeinsam über 20 Jahre mit der Stadt, der Region und der Regierung am Thema Infrastruktur gearbeitet.“ Die Autobahnanbindung des Werks habe man innerhalb weniger Monate vereinbart und gemeinsam finanziert. Zudem können Industrieunternehmen in Ungarn in der Regel mit einer staatlichen Hilfe zwischen fünf und zehn Prozent der Investitionssumme rechnen. „An Überseestandorten sind ganz andere staatliche Fördermöglichkeiten denkbar. Aber für europäische Verhältnisse sind wir hier sehr zufrieden“, sagt Faustmann.

Seit 1998 werden in Győr auch der Audi-TT und einige A3-Varianten montiert. Mit einer Tagesproduktion von 89 Autos fällt die Montage im Jahresvergleich aber noch klein aus. Die lackierten Karosserien für den Roadster werden immer noch aus Ingolstadt angeliefert. Doch bald ist diese Zeit vorbei.

Győr will kein Billigstandort sein

Die neue Fahrzeugfertigung neben dem Motorenwerk wird nicht nur größer ausfallen, sie wird auch eine eigene Lackiererei bekommen. Werksleiter Faustmann erinnert sich noch sehr genau an den Moment als er 2010 grünes Licht für den nächsten Schritt des Werkes bekam. Im Budapester Parlament verkündeten Ministerpräsident Viktor Orbán und Audi-Chef Rupert Stadler schließlich auch der Öffentlichkeit den Ausbau des Werks in Győr.

 © Audi Hungaria
Die Motorenfertigung ist die größte des gesamten VW-Konzerns (Copyright: Audi Hungaria)

Obwohl die meisten Hallen schon stehen, sind immer noch etliche Bauarbeiter auf dem Gelände unterwegs – zu Spitzenzeiten tummelten sich 1000 Bauarbeiter am neuen Fahrzeugwerk, in dem pro Jahr 100.000 neue Audi A3 vom Band laufen sollen. Den Vorwurf, die Produktion an Billigstandorte zu verlagern, lässt Faustmann nicht gelten. Ungarn sei schließlich kein „Niedriglohnland“, woanders seien die Lohnkosten deutlich geringer. Um die neue Fabrik in Gang zu bringen, hat Audi 1500 neue Mitarbeiter eingestellt. Über einen Mangel an Interessenten kann Audi nicht klagen. Allein im vergangenen Jahr gingen 42.000 Bewerbungen ein.

Das Vertrauen habe man sich in der Krise aufgebaut, sagt Faustmann: Als die Nachfrage nach Motoren 2009 um 35 Prozent absackte, habe man die Stellenzahl stabil gehalten. „Wer bei der Audi Hungaria arbeitet, hat ein sicheres, belastbares Arbeitsverhältnis“, sagt er. So etwas spricht sich rum. Das geht besonders schnell in einem Land, in dem bei Arbeitslosigkeit gerade einmal für drei Monate staatliche Hilfe gezahlt wird.

Auch bei der Ausbildung der Mitarbeiter hat Audi über die Jahre Strukturen aufgebaut, um die deutsche Qualität auch in Ungarn garantieren zu können. Als erster deutscher Autokonzern in Ungarn etablierte Audi die wichtigsten Elemente des deutschen dualen Systems, das praktischen und theoretischen Unterricht verbindet. In 13 Ausbildungsberufen wird der junge Nachwuchs seit eineinhalb Jahren in der werkseigenen Projektwerkstatt angelernt. „Ohne Audi würde ein ungarischer Facharbeiter im Extremfall in der Berufsschule so ausgebildet, dass er drei Jahre lang keinen Betriebsalltag erlebt hätte.“ Einen Vertrag schließt Audi allerdings erst nach der Ausbildung ab. Direkte Verträge mit Auszubildenden gibt es nicht

„Das ist einmalig im VW-Konzern“

An der Széchenyi István University in Győr hat Audi zudem drei Lehrstühle gegründet. Das Ziel: Den neuesten Stand der Automobiltechnologie schon früh in den akademischen Lehrplan integrieren. „Damit stellen wir sicher, dass unsere Absolventen nach der Uni schnell bei uns einsetzbar sind“, sagt Faustmann Zu den Vorlesungen der deutschsprachigen Master-Studiengänge werden auch Experten aus Deutschland eingeladen. „Das ist einmalig in Ungarn und einmalig im Volkswagen-Konzern.“

Seit drei Jahren buhlt ein weiterer deutscher Premiumautobauer um die Spitzenkräfte in Ungarn. In Kecskemét im Süden des Landes hat Daimler 2012 eine große Fertigung eröffnet. Auf einen Gehaltswettbewerb wollen sich die Konzerne aber nicht einlassen. „Wir arbeiten mit Daimler hier in Ungarn in einigen Bereichen im Interesse der Weiterentwicklung des Industriestandortes Ungarn partnerschaftlich zusammen“, sagt Faustmann.

Die Partnerschaft dürfte aber an den Landesgrenzen von Ungarn enden: Im Rennen um die Führungsrolle in der Kompaktklasse spielen die ungarischen Standorte der deutschen Premiumhersteller die entscheidende Rolle. Wenn ab Juni die Produktion des neuen A3 startet, wird man am Stammsitz Wolfsburg darum sehr genau Richtung Ungarn schauen. „Wenn Audi und die Konzernmarkenweiter wachsen, gibt das uns die Möglichkeit, unsere Produktion in Győr weiter auszubauen“, sagt Faustmann. Insbesondere im wachsenden amerikanischen Markt müssen die Audis aus Győr einschlagen. Dort fährt Audi der Konkurrenz von BMW und Daimler derzeit noch hinterher. Das Überholmanöver beginnt in Győr.
Von Lukas Bay
Veröffentlicht am 6. Februar 2013 bei „Handelsblatt Online“
und am 7. Februar 2013 bei „Hvg.hu“
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