Bonn

Bonn, 20.12.2012: Mein deutsch-litauisches Weihnachten

 © Vytenė Stašaitytė
Weihnachtschor vor dem Kölner Dom (Foto: Vytenė Stašaitytė)

Erlebte Weihnachtsgeschichten: Mitarbeiter der Deutschen Welle aus aller Welt erzählen von ihren Weihnachten. So auch Vytenė Stašaitytė aus Litauen, die für drei Wochen zu Gast in der Kulturredaktion ist. Von Heringen und Fleisch handelt ihre Geschichte.

Ich lebe zwar nicht in Deutschland, war aber öfter zum Austausch hier und habe einen deutschen Freund. Deshalb weiß ich, wie die Deutschen Weihnachten feiern. Ich freue mich sehr auf das Weihnachtsfest in Hamburg bei der Familie meines Freundes. Das Abendessen ist ganz anders als bei uns: Am Heiligen Abend geht in Litauen nichts ohne einen großen Tisch mit viel Essen. Die Tradition besagt, es müssen mindestens zwölf Gerichte sein – und wenigstens eins ein Heringsgericht.

Katholische Weihnacht in Litauen

 © Vytenė Stašaitytė
„Auf deutschen Weihnachtsmärkten fließt der Glühwein und brutzelt Fettes – unvorstellbar im streng katholischen Litauen“ (Foto: Privat)
Tradition und Familie haben in Litauen einen hohen Stellenwert. Und in Litauen sind fast alle katholisch. Das heißt, die Menschen gehen Weihnachten und Ostern in die Kirche. Ich gehe meistens am ersten Weihnachtstag, aber viele Menschen in Litauen besuchen die Christmette. Was für uns ganz wichtig und ein großer Unterschied zu Deutschland ist: Wir essen kein Fleisch am Heiligen Abend. Das ist ein absolutes Tabu und hat mit der alten katholischen Vorstellung vom Leib Christi zu tun. Aber dafür dürfen wir nach Mitternacht Alkohol trinken und Süßigkeiten essen.

In Hamburg allerdings habe ich am Heiligabend Fondue gegessen, ich bin nicht so streng gläubig. Der erste Weihnachtstag war ganz ruhig, doch am zweiten Weihnachtstag gab es wieder ein Familientreffen – und eine Gans.

Diesmal ohne Fleisch

Zu den litauischen Weihnachtspezialitäten gehört zum Beispiel Kūčiukai. Es ist ein Gebäck, das ganz ohne Butter gemacht wird, nicht so süß schmeckt und ziemlich hart ist. Außerdem kochen wir eine Art Dessertsuppe aus Mohn und Wasser. Und dann gibt es noch Kissel – ein Fruchtgetränk, das mit Kartoffelstärke und Kartoffelpulver angedickt wird. Wir trinken es warm oder kalt. Und nicht zu vergessen: Moosbeeren. Eine besondere Spezialität sind Oblaten, so groß wie Adventskarten mit schönen Bildern darauf. Zum Beispiel mit Hirten oder dem kleinen Jesuskind im Stroh. Wir kaufen sie in der Kirche, bringen sie nach Hause und verteilen sie vor dem Essen in der Familie.

Diese Weihnachten werde ich wieder in Hamburg verbringen. Die Mutter meines Freundes hat sich die Sache mit dem Fleisch sehr zu Herzen genommen, obwohl ich das ja wirklich nicht schlimm finde. Ich werde ein paar Dosen Hering mitbringen, weil mein Freund sie mag, und seine Mutter hat verschiedene Fischrezepte ausgesucht. Also kein Fleischessen am Heiligen Abend.
Von Vytenė Stašaitytė
Veröffentlicht am 20. Dezember 2013 auf „dw.de“
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