Berlin, 9.12.2012: Zwölf Stunden vor aller Welt unter der Nadel
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Leiden für außergewöhnliche Schönheit auf der internationalen Tattoo Convention in Berlin (Foto: Vytenė Stašaitytė)
Unter den Blicken von Tausenden von Vorbeigehenden liegt eine Frau, ihre intimen Körperteile nur knapp bedeckt, während ein Mann ihren Körper unerbittlich mit Nadeln traktiert. Ein Ausschnitt aus der internationalen Tattoo Convention, die am Wochenende in Berlin stattfand.
Die öffentliche Zurschaustellung des Körpers ruft hier nur wenig Verwunderung hervor. Gerade um andere zu betrachten, und um sich selbst zu zeigen, treffen sich hier sowohl Meister dieses Handwerks als auch tätowierte Besucher. Bereits zum 22. Mal fand die internationale Tattooshow statt, die mehr als 200 Tattoo-, Piercing- und Transdermalspezialisten sowie Händler für Accessoires in die große Arena lockte.
Auch ein Vertreter aus Litauen nahm an der Veranstaltung teil: Andrius Augulis, bekannt als „Augis Tattoo“. Er stellte sich dem Kräftemessen mit vielen Meistern der Körperbemalung aus aller Welt. Der derzeit in Dänemark lebende und arbeitende 26-jährige Litauer bewarb sich in verschiedenen Tattoo-Wettbewerben. Obwohl ihm in Berlin Lorbeer nicht vergönnt war, kehrt Augis zufrieden ins heimatliche Litauen zurück.
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Foto: Vytenė Stašaitytė
„Auf so einer Convention machst du dir einfach einen Namen. Bei der Teilnahme an dem Wettbewerb zeigst du dich, deine Arbeiten und beeindruckst das Publikum", sagte Augis. Seiner Ansicht nach habe sich allein die Teilnahme gelohnt, seinen Stand hätten viele interessierte Menschen besucht. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich geleistet habe, ein bisschen habe ich mich selbst übertroffen."
Die Möglichkeit, an einer so bedeutenden Tattoo-Convention teilzunehmen, sei eine große Anerkennung gewesen, so der Litauer. Um an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen, reicht es nicht, die Standgebühr – in diesem Fall 600 Euro – zu zahlen, man braucht auch eine Einladung der Organisatoren. Die Messe lockte am Wochenende viele Besucher an, das zeigen sowohl die lange Schlange am Eingang als auch die überfüllten Garderoben der Arena.
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Foto: Vytenė Stašaitytė
Den ganzen Tag bemalen Tattoo-Profis, beobachtet von Zuschauern, an ihren kleinen Ständen menschliche Körper. Je nach Größe dauert das Stechen des Tattoos bis zu 20 Stunden. Zum Beispiel hat Tomas Daubaras, das Modell von Augis Tattoo, am Samstag zwölf bis dreizehn Stunden unter den Nadelstichen gelitten. Ein anderes Modell, Renata Marcinkutė, hat die stündlich stärker werdenden Schmerzen etwas kürzer ertragen, weil ihr Tattoo kleiner und einfacher war. „Einfaches, weibliches, sympatisches Schädelchen“, so beschrieb Augis das Bild. Die Meister brächten immer zuverlässige Modelle mit, die genug Ausdauer besäßen, mindestens vier bis fünf Stunden durchzuhalten, sagt Augis Tattoo.
Die ausgewählten Modelle bestiegen danach die Bühne, wo sie von der Jury und dem Publikum mit aufmerksamen Blicken betrachtet werden. Einige mussten im Rampenlicht die Hosen herunterlassen, um ihre Körperzeichnungen zu zeigen. Andere zeigten ihre nackten Brüste.
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Foto: Vytenė Stašaitytė
Das schien auch niemanden zu stören. Im Gegenteil: Der Wettbewerb um das schönste tätowierte Mädchen, die „Tattoo Queen“, erfreut sich wachsenden Interesses. Junge Frauen mit unterschiedlichen Proportionen zeigen ihre Körperbilder, entkleiden sich bis auf den Bikini, und manche werfen sogar das letzte Kleidungsstück ab, um Publikum und Jury zu überzeugen.
Laut Dirk Hofmeister, Psychologe an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, seien Exhibitionismus und extreme Körperveränderung ein unverzichtbarer Bestandteil solcher Veranstaltungen. Der zur Show angereiste Psychologe untersucht die Verbreitung von Tattoos und anderen Körpermodifikationen in der Gesellschaft und ihre psychologischen Ursachen. Und er sagte zu, mich zu begleiten und mir bei einer Orientierung aus Sicht des Experten zu helfen. Mehr über die Besonderheiten der Tattoo-Psychologie können Sie demnächst bei Delfi lesen.
Von Vytenė Stašaitytė
Veröffentlicht am 9. Dezember 2012 bei „Delfi“
Veröffentlicht am 9. Dezember 2012 bei „Delfi“