Berlin, 21.1.2013: Altmodisch und gefragt
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Der Martin-Gropius-Bau überzeugt durch Fassade und Inhalt (Foto: Wikimedia Commons)
Der Martin-Gropius-Bau ist mein Lieblingsmuseum in Berlin. Mir gefällt hier alles. Angefangen von der originellen Neorenaissancearchitektur bis zu den hervorragenden Ausstellungen, die sich selbstbewusst erlauben, ohne irgendwelche interaktiven Tricks „altmodisch” zu sein.
Im Martin-Gropius-Bau wurde gerade eine breite Retrospektive der amerikanischen „Hot-Spot”-Fotografin, Margaret Bourke-White eröffnet. Bourke-White hat gesagt, dass sie „dabei sein möchte, wo Geschichte entsteht”. Nach der Ausstellung hat man den Eindruck, dass sie sehr wohl dabei war und sogar, noch einen kurzen Augenblick bevor sie entstanden ist, selbst Geschichte gemacht hat. Einmalig seltene Aufnahmen von Kollisionen im ungestümen 20. Jahrhundert in unterschiedlicher Intonation – von den von der eigenen Mutter, der Frau eines Nazis, umgebrachten Kindern, bis zu einem Esel, der in einem italienischen Kloster seinen Kopf neben eine Reihe amerikanischer Soldaten, die sich gerade rasieren, gelegt hat.
Margarite Bourke-White’s Begeisterung für Maschinen, Motoren und ingenieurwissenschaftliche Errungenschaften kann man besser verstehen, wenn man durch den neuen, im Jahr 2006 eröffneten, Berliner Hauptbahnhof schreitet, den größten in Europa. Es fällt schwer, diesem urbanen Charme gegenüber gleichgültig zu bleiben.
Menschenströme durchwandern die Fotoausstellung. Auch junge Leute. Ein ungefähr 15-jähriger Junge liest aufmerksam die Kommentare zu den Fotografien. Offenbar drücken junge Menschen im 21. Jahrhundert nicht nur Knöpfe und bewegen ihre Fingern über die Bildschirme von Tablets, Smartphones & Co. Wo ein Angebot ist, ist auch die Nachfrage da.
Freitag, 25. Januar, Haus am Lützowplatz
Als ich beim Frühstück die Zeitungen durchblättere, fällt mir auf, dass eine Titelseite die schreiend großen Buchstaben U-Bahn Nollendorfplatz schmücken. Ich schnappe mir die Zeitung und beginne zu „lesen”. Als ich gestern in die Ausstellung Rosa von Praunheims „Haus am Lützowplatz” gehen wollte, wurde der U-Bahn-Verkehr ist bis zur Haltestelle Nollendorfplatz unterbrochen. Was ist passiert? Überschwemmt. Aus brennendem Interesse scheint es mir, als verstünde ich sogar etwas. Riesige Wassermengen hätten die Station überflutet und die Bilder erinnerten an den Drehort eines Katastrophenfilms.So elementar funktioniert es – es ist keine Nachricht von internationalem Maßstab, die auf CNN oder Euronews gezeigt wird, aber sobald einen etwas persönlich betrifft, scheint es eine Nachricht von allerhöchster Wichtigkeit zu sein. Wahrscheinlich würden die Menschen früh morgens schon gern darüber lesen, was ihnen gestern passiert ist.
Endliche komme ich doch noch in die Ausstellung von Rosa von Praunheim. Den kurzen Dokumentarfilm über eine Familie, in der ein Mädchen geboren wurde, das eigentlich ein Junge war, sehe ich mir zweimal an. Amateurfilmaufnahmen: ein robustes Mädchen mit roten Zöpfen und eckigen jungenhaften Bewegungen, die nächste Einstellung zeigt den Jungen. Noch mehr als die verwirrenden Launen der Natur überrascht mich das bewundernswerte Verständnis der Eltern, ihre Offenheit und ihr mutiges Denken. „Sie war einfach ein Junge,” sagt die Mutter.
Danach schaue ich mir eine echte Brechtinszenierung in einem echten brechtschen Theater an. Im Saal wird viel gelacht, mir kommt es leider nicht lustig vor. Das liegt wohl an den unterschiedlichen nationalen Codes – und dem andersartigen Gefühl für Humor. Dann sehe ich aber, dass auch die Nachbarn in der Loge nebenan nicht lachen und sich zu langweilen scheinen, obwohl sie Deutsche sind. Als ich nach der Vorstellung das Theater verlasse, bin ich überrascht: Ein Mann am Eingang verkauft jetzt schon den nach Druckerschwärze duftenden Tagesspiegel. Die Ausgabe von morgen.
Von Undīne Adamaite
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner
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