Berlin, 12.1.2013: Mit Strickmütze im Theater
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In der Pause gibt's Brezen und Bier (Foto: Undīne Adamaite)
Samstag. Friedrichstraße. Zuerst ein paar seelige Stunden im Kunsthaus auf mehreren Etagen und am Abend ein Stück von Christoph Marthaler.
Wenn ich auch überzeugt bin, dass der Schlüssel zur deutschen Kunst und Kultur das Studium des Expressionismus und der unterschiedlichen Arten des Radikalismus ist, suche ich im Kunsthaus-Paradies doch nach dem, was mir gefällt. Ich kaufe einen meiner Lieblingsfilme: Wim Wenders Himmel über Berlin, der auf der DVD-Hülle als „poetisches Meisterwerk” beschrieben ist. Und den nicht weniger poetischen Dokumentarfilm von Anne Linsel und Rainer Hoffmann Tanzträume, in dem sich ungeschliffene und unsichere Jugendliche ohne Tanzerfahrung, im Laufe der Proben zu einem Stück von Pina Bausch, vor den Augen des Zuschauers in wundervoll schöne junge Frauen und Männer verwandeln. Doch wenn auf den Straßen Berlins eine Frau Rock trägt und Strumpfhosen, die dünner als 40 Den sind, ist sie bestimmt zugereist. Alles, was Sie brauchen, wenn Sie nicht gerade vorhaben, in ein Restaurant mit weißen gestärkten Tischdecken oder zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, sind die unabdingbaren Turnschuhe, Jeans und irgendeine puffige Jacke. Aber wenn wir über Poesie sprechen, wird mir unter dem Einfluss des konkreten und direkten Tons des deutschen Theaters bewusst, dass viele der lettischen Ausdrucksmittel (nicht nur in der Kultur) zu sentimental, neblig abstrakt und pseudopoetisch sind.
Abends das Stück von Christoph Marthaler. Glaube, Liebe, Hoffnung in der Volksbühne. Bei mir sammeln sich Fragen an den Tagesspiegel-Redakteur Rüdiger Schaper über die deutsche Theaterästhetik und deutsche historische Theatertraditionen an. Brechts „Songs” und Verfremdungseffekte fast in jeder Aufführung. Ist es möglich, dass genau das die typischen Berliner Theaterbesucher, junge Männer im Alter von ungefähr 18 bis 25 Jahren, anlockt? In den größeren Rigaer Theatern ist das ein unvorstellbares Bild. Nachdem sie ihre Jacken unter den Sitzen verstaut haben und ihr typisches Berliner Erkennungszeichen, am Hinterkopf hochgerollte Strickmütze, zusammengefaltet haben, sind sie ganz Auge und Ohr. Sie zeigen lebhafte Reaktionen und sehen intelektuell aus – und emotional berührt. In der Pause halten die Menschen Bierflaschen in den Händen und kaufen ziemlich große Brezeln. Auch vor der Aufführung am Eingang zur Volksbühne hat ein Mann eine solche verkauft.
Von Undīne Adamaite
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner
Veröffentlicht am 23. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner
Veröffentlicht am 23. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“
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