Berlin, 10.1.2013: In einer Fremdsprache bleibt ein Theaterstück Fassade
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Lettisches Theater in der Berliner Schaubühne (Foto: Undīne Adamaite)
Heute Abend sehe ich mir etwas aus meiner Heimat an: die Inszenierung des Regisseurs Alvis Hermanis und der Bühnenbildnerin Kristine Jurjane Sommergäste/Vasarnieki.
Etwa ein Dutzend Zuschauer geht in der Pause, aber die, die bleiben, verfolgen das Stück sehr aufmerksam und rufen am Ende mit lautem Applaus die Schauspieler mehrere Male auf die Bühne zurück. Mein Diena- Kollege, der Kritiker Normunds Naumanis, hatte recht: Wenn man die Sprache nicht versteht, ist es unmöglich, die Inszenierung zu bewerten. Der Stoff aus Text/Subtext/Sprache und Körpersprache ist so dicht gewebt, dass man die Partitur der Aufführung nur wie die Fassade eines schönen Gebäudes genießen kann. Doch das Milieu der Helden aus Sommergäste ist im klassischen Sinne ganz und gar nicht schön. Hermanis und Jurjane haben Erinnerungen an jugendliche Pracht mit einem fast zeitgenössischen Obdachlosenlager „vermischt”. Gutsbesitzer als Hausbesetzer? Es ist faszinierend zu beobachten, wie mehrere ästhetische Codes aus verschiedenen Schaffensperioden von Hermanis die Aufführung durchziehen. Vieles aus den ersten Inszenierungen des Regisseurs hat in dieses Stück Einzug gefunden. Zum Beispiel der ästhetisch raffinierte und erotisch aufgeladene Beginn seines Schaffens aus Marquise de Sade, als sein Name auf den europäischen Bühnen noch unbekannt war.
Ich muss mich dringend an meine Deutschlehrbücher zum Selbststudium machen! Im Theater (wie sehr auch dort die literarische Erzählung in den Hintergrund gedrängt worden ist) ist das Wort doch wichtig, wenn es sich nicht gerade um chinesisches Schattentheater oder modernen Tanz handelt.
Ein paar Anmerkungen zu den Unterschieden – was die Zuschauerrituale betrifft. Wenn man ungefähr eine Stunde vor der Aufführung das Café der Schaubühne betritt, riecht es nach Würsten und Kraut. Die Menschen trinken Bier, einige auch Wein – jedenfalls: Man fühlt sich ungezwungen. Ein unvorbereiteter Lette würde denken, er sei hier falsch, und würde fragen, wo es ins Theater gehe. Zumindest wenn er nicht vorgehabt hätte, eine der unabhängigen, alternativen Bühnen zu besuchen. In den großen akademischen Theatern in Lettland finden sich die meisten Zuschauer in Festtagsgarderobe ein, in der Pause gehen sie ins Theatercafé, wo sie meistens Kaffee, Rigaer schwarzen Balsam (ein lettisches alkoholisches Getränk auf Kräuterbasis), Sekt oder Kuchen, bei größerem Hunger auch Salat oder eine salzige Pirogge bestellen. Für die mittlere und ältere Generation umweht das Theater immer noch eine feierliche Festtagsatmosphäre. Die Wurzeln dafür liegen in den Sowjetjahren, als das Theater für die Letten ein heiliger Ort, eine Kirche war – ein seltener Ort, an dem lettisch gesprochen wurde: „in der Sprache Äsops”, auch über die Idee der Freiheit Lettlands. Peter Brooks Begriff des „heiligen Theaters” ist in diesem Zusammenhang genau passend.In Lettland gehört ein Theaterbesuch zum „guten Ton”. Deshalb sind auch manchmal gewaltsam mitgeschleifte Herren im Saal zu entdecken, die ergeben an der Seite ihrer Frau schnarchen, oder ohne das geringste Interesse das Geschehen auf der Bühne verfolgen.
Die Garderobe der Schaubühne – einzeln abschließbare dicke Eisenschränke – lässt ein wenig U-Bahn-Atmosphäre aufkommen. Doch ich habe ein gutes Gefühl. Leicht und offen.
Von Undīne Adamaite
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner
Veröffentlicht am 23. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner
Veröffentlicht am 23. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“
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