Berlin

Berlin, 9.1.2013: Eine Monatsportion Höflichkeit

 © Undīne Adamaite
Seid Ihr freundlich! (Foto: Undīne Adamaite)

In Lettland gibt es viele freundliche Menschen. Doch niemand sagt so oft „Danke” wie die Deutschen.

In der U-Bahn-Unterführung ist einer Frau schlecht geworden. Es ist nicht wirklich klar, was ihr fehlt. Verwirrt, mit trübem Blick, in eine Decke aus Folie gewickelt sitzt sie auf der Erde an einen Pfosten gelehnt, und eine Polizistin macht sich schon um sie herum zu schaffen. Eine Frau fragt nach, ob sie helfen kann. Mit lettischen Augen scheint mir, die Situation sei schon gelöst; ich glaube kaum, dass sich in Riga noch jemand einmischen würde. Ein bisschen behandeln wir einander zu sehr, als wären wir durchsichtig. Es gibt viele herzliche Menschen, aber im öffentlichen Raum will jeder seine Ruhe haben.

In Berlin ist die buchstäblich eiserne Übereinkunft höflich zu sein als verpflichtende Norm auf Schritt und Tritt spürbar. Als Mittel, um das Gesicht der Zivilisation zu wahren. Vielleicht ist das charakteristisch für eine Gesellschaft, deren Vorfahren noch vor kurzer Zeit erlebt haben, wie fragil die Trennlinie der Zivilisation im Menschen ist.

Ich würde nicht sagen, dass wir in Riga besonders unhöflich oder unfreundlich sind, aber trotzdem muss ich zugeben, dass ich hier die monatliche „bitte und danke”-Norm in einer Woche übertroffen habe. Die Deutschen sagen es bei jeder Gelegenheit, sei der Kontakt auch noch so kurz. Tut dies jemand nicht, gilt das wahrscheinlich schon als unvorstellbare Schroffheit. Ich mag die deutschen Freundlichkeitsrituale und befolge sie eisern wie eine Art ethische „Morgengymnastik”.


Von Undīne Adamaite
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner

Veröffentlicht am 23. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“

Kommentare (Tagesspiegel)

Mal was anderes, 23. Januar 2013, 22:15 Uhr

Ich kann mich den anderen Beiträgen nur anschließen: Auch ich bin angenehm überrascht von den positiven Eindrücken Frau Adamaites.

Gut, dass das mal von einer Außenstehenden gesagt wird!, 23. Januar 2013, 21.42 Uhr

Nach Jahren im Ausland zwischen UK und Kasachstan mit ausgedehnter beruflicher und privater Reisetätigkeit im gleichen Gebiet kann ich nur eins sagen - fast überall bekam ich zu hören: Die Berliner seien freundlich, offen, hilfsbereit, tolerant und nett. Nur der Humor sei zuweilen etwas, naja, sagen wir: eigen. Berlin sei eine tolle, offene tolerante Stadt, wo jeder machen könne, was er wolle, solange er andere nicht belästige; man habe seine Ruhe, bekomme jedoch schnell Hilfe, wenn man sie brauche/darum bitte, und die Leute seien offen und an ihren Mitmenschen interessiert, es sei kaum wo so einfach, jemanden kennenzulernen und gleichzeitig seine Freiheit zu haben. Als Berliner in der jahrelangen Diaspora kann ich das nur bestätigen, auch wenn man überall Freunde findet. Das Leben in Berlin ist nur (zumeist) direkter, handfester und offen-menschlicher.

Außerdem: jeder, der einmal länger in Megacities wie London oder Moskau gelebt hat und der noch nicht komplett braindead oder konsumgeil ist, wird die Ruhe und den Frieden eines Sonntages in Berlin mehr schätzen als alle ach so wichtigen Angebote, deren Fehlen an einem geschlossenen Sonntag aus Deutschland angeblich eine Service-Wüste machen. Einzige Ausnahme: Cafes sollten schon auf sein! :-)
Daher ein dickes Dankeschön der Autorin und noch viel Spaß in Berlin!!!

Der Blick von außen, 23. Januar 2013, 18.46 Uhr

Zitat: „In Berlin ist die buchstäblich eiserne Übereinkunft höflich zu sein als verpflichtende Norm auf Schritt und Tritt spürbar.“
Herrlich!!!

Das steht so diametral dem entgegen, was die meisten Teilnehmer dieses Forums in den gefühlt 263.341 vorangegangenen Beiträgen über die Berliner Sitten schreiben (und wie wir uns dabei bitteschön verhalten, danke sehr!). Leider liest dies hier kaum einer von ihnen (Denn bei Riga läutet kein „Moslem-Alarm"!)
Das zeigt, wie wichtig es ist, auch mal den Blick von außen zuzulassen.
Es erinnert mich daran, als David Byrne in „bycycle diaries“ schrieb, wie rücksichtsvoll Auto- und Radfahrer in Berlin miteinander umgehen, und wie mustergütig brav hier alles ist ...

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