Berlin

Berlin, 6.1.2013: Sonntags ist Ruhe

 © Undīne Adamaite
Eine der ältesten katholischen Kirchen in Berlin: die Sankt-Michael-Kirche (Foto: Undine Adamaite)

Ich bin etwas früher nach Berlin gefahren, um mich zu akklimatisieren. Um den Rhythmus zu synchronisieren. Und gleich am zweiten Tag erlebe ich einen Kulturschock.

Ich öffne alle Fenster meines Hotelzimmers, die Glocken der Sankt-Michael-Kirche läuten. Ein anderer Anblick: die zeitlosen, harmonischen Konturen der Kirche inmitten von Plattenbauten. Später komme ich zum Schluss, dass solch eine „Montage“ für Berlin typisch ist. Wenn man die Geschichte kennt: folgerichtig. Die Kirche ist leider geschlossen. Neben ihrem Eingang befindet ein Lager mit Schlafsäcken. Ob dort jemand schläft? Gleich nebenan, im Erdgeschoss des Plattenbaus, befindet sich das Rote Kreuz. Vielleicht sollte ich Bescheid sagen? Naiv? Was würden die echten Berliner machen?

Ich beschließe, es mir richtig gemütlich zu machen und mir wie eine echte Berlinerin ein warmes häusliches Essen zu „schmorren“. Doch vor dem Geschäft stehe ich vor geschlossenen Türen. Es ist kein Tante-Emma-Laden, sondern ein normaler Lebensmittel-„Market”. Mein erster Kulturschock! Meine egozentrische, primitive Verärgerung, die ich im ersten Augenblick empfinde, verschwindet bald, und ich werde zur überzeugten Fürsprecherin dieser großartigen Übereinkunft. Ich fahre zu den zentralsten Orten in Berlin. Auch um den Zoo herum ist alles still. Es sind nur wenige Menschen unterwegs: Ein paar Eltern mit ihren Kindern, die spazieren gehen oder eine Veranstaltung besuchen. Einige Paare sind auf dem Weg in die C/O-Galerie. Ich bin überrascht, in einer Metropole etwas zu sehen, das ich schon lange nicht mehr erlebt habe: Sonntagsruhe. Ein Gefühl der Genügsamkeit. Das ist nicht das Wort, das man im Zeitalter der globalen Hypermärkte oft verwendet.

In Lettland werden zur Zeit heiße Debatten darüber geführt, ob die Geschäfte sonntags geschlossen bleiben sollten. Aber es scheint, die Gesellschaft ist dafür noch nicht reif genug. Zu nah sind noch die Zeiten, als man in den Geschäften entweder gar nichts oder alte, hässliche und verschimmelte Dinge kaufen konnte.
Von Undīne Adamaite
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner


Veröffentlicht am 22. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“

Kommentar (Tagesspiegel)

Stille, 23. Januar 2013, 22.05 Uhr
Ein schöner Text. Besonders interessant fand ich die Sache mit der angenehmen Sonntagsruhe und die Aussage „dass man das Recht auf Stille als ersten Punkt in die Menschenrechte von Journalisten aufnehmen sollte." Dieses Recht sollte natürlich nicht nur Journalisten vorbehalten bleiben.

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