Berlin

Berlin, 5.1.2013: Kein falscher Tourist, aber nicht richtig heimisch

 © Undīne Adamaite
Gekachelte Schönheit: Der U-Bahnhof Alexanderplatz (Foto: Undīne Adamaite)

Zwanzig Tage in einer fremden Stadt sind ein seltsamer Zwischenzustand: Man ist kein richtiger Tourist, gehört aber auch nicht ganz dazu. Vielleicht ist das ein guter Moment, um etwas zu entdecken – ähnlich dem Zustand zwischen Schlaf und Wachsein.


Ich nehme am Journalistenaustausch Nahaufnahme teil, der vorsieht, dass ich aus meiner Perspektive als Lettin über meine Eindrücke in Berlin schreibe. Das hört sich ambitioniert an. Deshalb kehre ich die Vorzeichen um. Ich bin gespannt, was Berlin Unerwartetes in mir selbst und aus der Ferne in der lettischen Kultur erhellt.

Mein erster Kontakt mit Deutschland fand irgendwann in den Achtzigern statt, als ich mit der Tanzgruppe Bienchen zu Gast in Deutschland war, natürlich im „demokratischen”. Ich erinnere mich, wie meine Mutter versuchte, mir die Teilung Deutschlands zu erklären, und aus der Ferne auf die jetzt demontierte und als Souvenirs verkaufte Mauer zeigte, vor der im Gras Kaninchen herumsprangen. Die Idee verstand ich nicht ganz, aber die Kaninchen gefielen mir. Später, als ich darüber nachdachte, begriff ich auch die Idee: Aha, genau wie bei uns im damaligen sowjetischen Lettland! Die einen haben tolle Importwaren – Kaugummis und echte Sneakers –, und die anderen, solche wie ich, traurige Imitate ohne die richtige Federung und das echte Weiß.

Ein Tagebuch für Heinrich Heine

Die Koordinatorin des Projekts hat mich im Heinrich-Heine-Hotel untergebracht. Leider gehöre ich einer Generation an, die in der Schule nun nicht gerade Gedichte von Heine zu lesen bekam. Es ist mir unangenehm, aber ich möchte erzählen, was wir anstelle der Gedichte von Heine gelernt haben. In der Kunststunde habe ich einen Soldaten gezeichnet, der auf der Spitze seines Bajonetts ein Nest mit einer Friedenstaube trug und ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Natürlich mit hellen Haaren und blauen Augen. Andere haben wir nicht gezeichnet. Und das Schlimmste war, mir selbst gefiel dieses alptraumartige, propagandistische Klischee sehr. Ich war sogar stolz auf das Ergebnis.

Wollen Sie es noch absurder? In den Siebzigern wurden in den sowjetischen Schulen in Lettland gute Kinder in den „A”-Klassen unterrichtet; sie durften Englisch lernen. In die Klassen „B” und „C” wurden die unangenehm auffallenden Kinder und solche mit schlechten Leistungen gesteckt. Sie mussten Deutsch lernen. Damals hat niemand daran gedacht, dass man einmal eine Sprache nicht nur der Noten wegen lernen, sondern sie tatsächlich anwenden würde. Wahrscheinlich wird mir erst jetzt, während des Schreibens, meine monströse Schulerfahrung richtig bewusst. Ich war übrigens eine gute Schülerin und spreche daher leider kein Deutsch.

Doch jetzt, da ich in Berlin bin, möchte ich mich mit dem Deutschen anfreunden. Im Heinrich-Heine-Hotel sage ich der Köchin immer „das Essen ist wunderbar” oder „Sie kochen großartig”. Aber das Wort, mit dem sie ihr Omelett bezeichnet, bringt mich zur Verzweiflung. Wir lachen beide.

Als ich auf dem Frühstückstisch die auf den Servietten gezogenen Linien mit der Aufschrift „Die Inspiration kann Dich jeden Augenblick ergreifen” bemerke, kommt mir die Idee, ein Berliner Tagebuch zu schreiben: Notizen auf Servietten, kleine Momente meiner Zeit hier in Berlin, die mich in irgendeiner Weise überraschen. Der Adressat ist Heinrich Heine.

Samstag, 5. Januar, Alexanderplatz

Als in Lettland Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz auf Lettisch erschien, wusste ich noch nicht, dass ich am Journalistenaustausch Nahaufnahme teilnehmen würde. Ich habe das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen. Die Herausgeber bezeichnen es als „einen der bedeutendsten Großstadt-Romane der Weltliteratur”. Als ich am frühen Morgen meinen Koffer schiebe und versuche, die Sektkorken zu umfahren, die mich daran erinnern, dass das neue Jahr gerade erst begonnen hat, fühle ich mich ein bisschen wie Franz Biberkopf, als er aus dem Gefängnis entlassen wird. Wahrscheinlich ist zu Beginn des Jahres der „internationale Weihnachtsbaum-Summit” eines der allgemein menschlichsten Probleme; sprich, wie werde ich meinen Weihnachtsbaum würdevoll los? Man sieht verschiedene Varianten: an Briefkasten gelehnte, anstelle gefällter Bäume in die Erde gesteckte. Wohin trägt nur dieser grauhaarige Mann seine Tanne? Mir ist es unangenehm, ihn so offen zu beobachten.

Der mitgenommene Alexanderplatz pumpert in meiner Tasche und ich hoffe, er wird mein Talisman sein. Später stellt sich heraus, dass die Haltestelle Alexanderplatz auf meiner täglichen U-Bahn-Route liegt. Ich beobachte die Menschen, ein bisschen mit eigenen Augen und ein bisschen mit den Augen von Franz Biberkopf.

In der U-Bahn sitzt eine entzückende Familie. Alle sind dunkelhäutig und tragen viele Zöpfe. Die Kinder strahlen über das ganze Gesicht. Ich würde die Familie gern fotografieren, denn es sind schöne Menschen. Ob sie das richtig verstehen würden? Wir sind so tief in der politischen Korrektheit verstrickt, dass wir schwarz als weiß und weiß als schwarz bezeichnen, und die Dinge nicht mehr bei ihren Namen nennen. So fotografiere ich möglichst unauffällig, wie zufällig, meine Stiefel. Vielleicht hätte ich einfach die Mutter um Erlaubnis fragen sollen.


Von Undīne Adamaite
Übersetzt aus dem Lettischen von Felix Lintner

Veröffentlicht am 22. Januar 2013 im Berliner „Tagesspiegel“ und den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“


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