Budapest

Budapest, 29.1.2013: Wo der Super-Bowl-Mercedes herkommt

 © Daimler
Impressionen der Produktion (Copyright: Daimler)

Mit viel Haut hat Daimler den CLA beim Football-Finale in den USA beworben. Das Modell wird in Ungarn gefertigt. Auf einer riesigen Fläche in der Puszta hat Daimler eines der wichtigsten Werke des Konzerns errichtet.

„Schauen Sie über den Zaun, wir haben noch Platz“, sagt Werksleiter Frank Klein und deutet auf den Horizont. Das Ende des schneebedeckten Daimler-Geländes in Kecskemét ist vor dem weißen Himmel mit bloßem Auge nicht zu erkennen: 441 Hektar, eine Fläche so groß wie 1000 Fußballfelder, gehören dem Konzern – größer ist kein Daimler-Werksgelände auf der ganzen Welt. Obwohl heute erst 250.000 Quadratmeter des Geländes bebaut sind: Schon die schiere Größe des Werksgeländes macht deutlich, dass Daimler nach Ungarn gekommen ist, um zu wachsen.

Hier, mitten in der Puszta, soll bald das Herz der ungarischen Autoindustrie schlagen – das ist der Plan. Es ist ein Projekt, in das Daimler mehr als eine Milliarde Euro investiert hat. Nach sechs Monaten Suche an 50 Standorten, unter anderem in Rumänien, Polen und Deutschland, haben sich die Stuttgarter 2008 für die Stadt im Süden Ungarns entschieden.

Im März 2012 startete die Produktion. Seitdem rollt hier alle zwei Minuten ein Auto vom Band – 350 pro Werktag, 100.000 im Jahr. Bisher wurde hier im Verbund mit Rastatt die B-Klasse produziert. Seit einigen Tagen wird ein Modell exklusiv nur in Ungarn gefertigt: Der CLA, Daimlers große Kompakthoffnung im Autojahr 2013. Ministerpräsident Viktor Orban und Konzernchef Dieter Zetsche kamen zum Produktionsstart. Das Fahrzeug wurde beim Super Bowl in den USA vor Hunderten Millionen Zuschauern beworben.

„In Rastatt hätten wir es schwer gehabt, die Kapazität in diesem Umfang zu erweitern. Hier konnten wir von null planen, alles optimal strukturieren“, sagt Frank Klein. Auf der grünen Wiese wurde so eines der modernsten Werke des Konzerns errichtet. Unter anderem steht in Kecskemét das einzige Daimler-Presswerk außerhalb Deutschlands. 3000 Mitarbeiter arbeiten mittlerweile am Standort und das in einer Region, in der die Industrie historisch keine Rolle gespielt hat.

Wie lockt man qualifizierte Mitarbeiter in die Puszta? „Das müssen wir gar nicht. Die meisten Mitarbeiter kommen aus der Region. Wir qualifizieren die Menschen hier vor Ort“, sagt Klein. Schon drei Jahre vor der Eröffnung des Werks wurde mit einer Mammutaufgabe begonnen: Tausende ungarische Mitarbeiter fit für die Ansprüche des Premiumautobauers zu machen.

Zehn Kilometer vom Werksgelände entfernt hat Daimler dafür ein 3000-Quadratmeter großes Ausbildungszentrum angemietet und 2,2 Millionen Euro in die Einrichtung investiert. Hier wurden die ersten Arbeiter des neuen Werks ausgebildet, des „Rückgrat der Produktion“, wie Klein sie nennt. Nach ihrer Grundausbildung wurden sie für vier Wochen im Werk Rastatt von ihren deutschen Kollegen angelernt. „Wir können uns keine Fehler erlauben. Seit dem ersten Tag muss jedes Fahrzeug, das wir in Kecskemét produzieren, die gleichen Qualitätsansprüche erfüllen wie ein Mercedes aus Rastatt“, sagt Werkleiter Klein. 300 Kollegen aus Deutschland, so genannte Expats, sollen das deutsche Know-how in Ungarn implementieren.

Deutsche Ausbildung in Ungarn

Neben der Erwachsenenbildung hat das Ausbildungszentrum eine noch wichtigere Aufgabe zu erfüllen: Es soll die Keimzelle für eine Berufsausbildung nach deutschem Vorbild werden. Im September 2011 hat die Regierung das ungarische Ausbildungsgesetz angepasst. Erstmals konnte Daimler in Kecskemét damit seine Auszubildenden selbst auswählen, einstellen und bezahlen. „Das war hier ein durchaus historischer Schritt“, sagt Klein. So wie das duale Ausbildungssystem zum Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft geworden sei, will er die duale Berufsausbildung im Betrieb auch in der ungarischen Wirtschaft zum Standard machen. Dafür müssten aber weitere Unternehmen mitziehen – und noch sind die Widerstände groß.

Daimler selbst hat bereits weite Teile der Ausbildung umgestellt: Innerhalb eines Jahres wurden fünf Ausbildungsberufe nach deutschem Vorbild zugelassen, in vier bildet Daimler heute aus. Hunderte Aktenordner, in denen die Regeln für die deutsche Ausbildung festgehalten sind, wurden dafür ins Ungarische übersetzt. Acht Ausbilder - vier Deutsche und vier Ungarn – betreuen die ungarischen Auszubildenden.

An den Werkbänken und Maschinen der Einrichtung lernen heute 64 Auszubildende. Mit dem neuen Jahrgang sollen es erstmals mehr als 100 werden. Bisher ist die Resonanz aber immer noch bescheiden: Auf einen Ausbildungsplatz kommen vier Bewerber, in Deutschland sind es 18. „Eine duale Berufsausbildung hat bislang hier in Ungarn noch nicht die Reputation wie in Deutschland“, sagt Klein. Mit Aktionen in Schulen und einem eigenen Girls Day will Daimler das ändern. Die Zielgruppe ist im Vergleich mit Deutschland noch sehr jung: In Ungarn endet die Schulpflicht nach acht Schuljahren, meist sind die Bewerber 14 Jahre alt.

Die Regierung unterstützt die Bemühungen: Für einen Auszubildenden zahlt der ungarische Staat 440.000 Forint pro Jahr. Dieser Sockelbetrag wird je nach auszubildendem Beruf mit einem Faktor multipliziert. Für einen Werkzeugmacher erhält Daimler bis zu 883.000 Forint im Jahr.

„Wir sind stolz“

Auch in der Hochschulbildung will Daimler neue Wege beschreiten. An der örtlichen Fachhochschule Gamf in Kecskemét werden 11 Studenten in einem dualen Studiengang ausgebildet. Es gab 212 Bewerber. Für die Absolventen des Dualen Hochschulstudiums, das Daimler im vergangenen Jahr erstmalig in Ungarn eingeführt hat, besteht keine Verpflichtung, anschließend weiter im Unternehmen zu bleiben. „Wenn einer unserer Studenten nach seinem Abschluss nicht für Daimler arbeiten wollte, dann hätten wir etwas falsch gemacht“, sagt Klein.

Für die Produktion sieht die Perspektive besser aus: Der CLA gilt als einer der Hoffnungsträger des Daimler-Konzerns. „Wir sind stolz, ein derart hochwertiges und vor allem faszinierendes Auto bauen zu dürfen“, sagt Klein. Gelingt die Generalprobe dürften weitere Modelle bald folgen. Platz genug, um die Produktion zu erweitern, gibt es schon jetzt.
Von Lukas Bay
Veröffentlicht am 6. Februar 2013 bei „Handelsblatt Online“
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